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Jüdische Rundschau · 1906-05-06 · 9 (6.5.1906) · p. Seite 79

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
9 (6.5.1906)
Date
1906-05-06
Page
Seite 79 (sequence 15)
Language
German
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No. 9 79 LITERATURBLATT die Wiege des Judentums das babylonische Exil sei. Wenn das Judentum nicht bereits im eigenen Lande innerlich fest und absolut stark gewesen wäre, so wäre es im babylonischen Exil zu Grunde gegangen nach dem Gesetze der Aufsaugung der Minoritäten durch die umgebende Majorität. Nur weil das Judentum n i c h t in der babylonischen Verbannung entstanden ist, konnte die Sintflut, die es zu ersäufen drohte, zu einem Bade der Reinigung werden. Sonst wäre die Gemeinde der Juden in die Bahnen der alexandrinischen Juden gekommen, die bereits alle die Stadien durchgemacht haben, die das Assimilationsjudentum des neunzehnten Jahrhudnerts und der Gegenwart sich bemüht durchzumachen. Sie haben dort ihre griechischen Synagogen gehabt, ihre übersetzten Thoravorlesungen, ihre rationalistischen Bibelexegesen und ihren hellenischen Patriotismus. Erst die Erstarkung des jüdischen Stammes durch die Makkabäer hat diese Juden wieder judaisiert. Dass die Judenschaft in alexandrinischer Zeit sich mehr als Religionsgemeinschaft, denn als Nutzen gefühlt habe, trifft auf einen Teil der ägyptischen Juden, keineswegs auf jene palästinischen und babylonischen Juden zu, die die Mischnä und die talmudische Literatur geschaffen haben. Ebenso fehlt die Begründung der Behauptung, dass die Juden mit Vorliebe die Christen anklagten, dass sie einen Eselskopf angebetet und den Ritualmord verübt hätten. Aber die Schrift hat den ,Zweck festzustellen, dass das Christentum nicht den Antisemitismus geschaffen hätte, dass er etwas wäre, das seinem Wesen durchaus fremd sei. Aber jedenfalls hat das Christentum sich in allen Zeiten seiner Herrschaft so gründlich zur Judenverfolgung benutzen lassen, dass es des Ruhmes, den Antisemitismus geschaffen zu haben, wohl entbehren kann. Wer wie S t ä h e 1 i n im Antisemitismus eine Macht der Lüge sieht und dabei seines Christentums froh werden will, muss freilich den Wunsch hegen, das Christentum von dem Antisemitismus zu befreien. Aber immerhin ändert das nichts an der Tatsache, dass selbst unter den Alerandrinern, die doch den Antisemitismus erfunden haben, nicht annähernd ähnliche Vorgänge sich gegen die Juden ereignet haben, wie in modernen christlichen Staaten und noch eben erst im zwanzigsten Jahrhundert. Im allgemeinen ist S'tähelins Schrift als ein sehr wertvoller Beitrag zur Geschichte der Juden zu bezeichnen und es wäre weiteste Verbreitung im Interesse jüdischen Wissens recht wünschenswert. Sammlung Göschen 272: Die Entstehung des Alten Testaments,־von Lic. Dr. W. Staerk. Leipzig: G. J. Göschensehe Verlagsbuchhandlung 1905.. 170 S. kl. 8°. Im Orig.-Band 80 Pf. Die Schrift ist ein Seitenstück zu der in der gleichen Sammlung erschienenen Israelitischen Geschichte von I. Benzinger, die im LITERATURBLATT der JÜDISCHEN RUNDSCHAU besprochen worden ist.. In sehr übersichtlicher Weise gibt Staerk die Resultate der modernen Bibelkritik nach ihrem heutigen Stande. Er ist natürlich nicht Schuld, dass diese Bibelkritik bereits dort angelangt ist, wo die Wissem schaft aufhört und die Spekulation anfängt. Diese negative Kritik wird bald einer positiven; historischen Schule, die erst recht kritisch sein soll, den Platz räumen. Die Vorbedingungen sind dazu ganz andere, in den Sprachgeist wirklich eindringende Kenntnisse des Hebräischen. Zu einer gesunden Bibelkritik ist die erste Bedingung eine die hebräische Sprache wirklich empfindende, in ihr denkende, intime Kenntnis. Aber wenn wir diese grundsätzlichen Bedenken auch äussern, so müssen wir doch anerkennen, dass es Staerk gelungen ist, das schwierige Material in eine übersichtliche Form zu bringen. Das Büchlein kann allen denen, die als Laien sich zum ersten Male in die Bibelkritik einführen lassem wollen, besonders aber Studenten, die ein Anfängerkolleg über diesen Stoff hören wollen, aufs angelegentlichste empfohlen werden.

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