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Jüdische Rundschau · 1906-05-06 · 9 (6.5.1906) · p. Seite 77

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
9 (6.5.1906)
Date
1906-05-06
Page
Seite 77 (sequence 13)
Language
German
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No. 9 77 LITERATURBLATT eine solche staatliche Verbindung nicht als unumgänglich nötig bezeichnet werden; erspriesslich wäre sie jedoch unbedingt, und die Zeit scheint nicht so ferne zu sein, wo diese Idee zur Wahrheit werden soll. Jedenfalls ist die Politik, die gegenwärtige Lage und der, trotz aller künstlichen Mittel immer näher rückenden Verfall der Pforte, ihr günstig. Schon seit 1840, seit den Blutszenen von Damaskus, beim Entstehen der Quadrupel- Alliafiz, lag Lord Palmerstein der Plan vor, eine jüdische Kolonie in Syrien zu gründen. Selbstverständlich konnte nun die Verwirklichung dieses Planes, wie er ursprünglich gefasst war, unter britischem Protektorat, bisher kaum zur Ausführung, ja nicht einmal recht zuin Vorschein kommen, wegen der Unmöglichkeit, eine Grossmacht vor der andern im Schutze der Kolonie zu bevorzugen. Da indessen Moses Montefiores reiches und glänzendes Wirken für seine Glaubensgenossen in Palästina einen soliden Grund gelegt, da die Lage des Landes für Handel und Gewerbe eine glückliche, die derzeitige oder nächste politische Konjunktur endlich eine solche ist, dass ihr jede Lösung des orientalischen Knotens willkommen sein muss:: so dürfte es nicht ausser den Grenzen der Möglichkeit liegen, an der grossen Schwelle dreier Weltteile einen jüdischen Staat zu errichten, dessen Hauptelemente besonders aus Europa gezogen, vortrefflich geeignet scheine, den Orient mit dem Occident neu zu verbinden. Die politischen Schwierigkeiten, welche sich diesem Plane entgegenstellen könnten, scheinen in der Tat heute von keinem zu grossen Belang. Die Pforte, die ohnehin bisher aus Syrien nichts zu machen machen wusste, wird zufrieden sein, wenn unter ihrer Oberhoheit neues kräftiges Leben erblüht, wo bisher nur ein armseliges, höchstens durch die Raufereien der Drusen und Maroniten dann und wann unterbrochenes Stillleben zu bemerken■ war. Die sechs europäischen Grossmächte und die nordamerikanische Union dürften, sobald sie darum befragt werden, kaum erhebliche Ein- Wendungen gegen den jungen Vasallenstaat erheben, ihn vielmehr nur begünstigen und auf Neutralität begründen helfen. Russland spekuliert ohnehin nicht auf Syrien und der Streit über die Schlüssel zum heiligen Grabe kann allen Ernstes nicht besser geschlichtet werden, als durch deren Übergabe an die nächste jüdische Regierung. Der Jude von heute steht wahrlich nicht niedriger als das Israelitenvolk vor drei Jahrtausenden, als dessen weiser König den Tempel zu Jerusalem mit dem unerreichten Gebete einweihte, dass auch der Nichtjude von der ewigen Vorsehrung in diesem Gotteshause erhört werden möge. Vertraut nur dem Juden die Schlüssel; und die Stätte christlicher Verehrung wird fortan besser geschützt sein, als durch französisch-russische Eifersucht. Dass die Elemente des neuen Staats in Europa und Amerika nach jeder Seite hin vorhanden sind, bedarf keiner Begründung, die jüdische Gesamtheit strotzt von materiellen und geistigen Säften und Kräften. Ein jüdischer Freistaat, fern vom veralteten König- und Priestertum, kräftig emporblühend in den allseits bisher gepflegten Früchten der Intelligenz, des Handels und der Gewerbe, ist an dieser Stelle keine Chimäre von ehedem, wohl aber eine tüchtige Schutzwehr der in der Emanzipation verkörperte Gewissensfreiheit. Ja es scheint nichts geeigneter ,als die heutige politische Lage des ottomanischen Reiches, nicht würdiger für den jetzigen Regenerationsdrang, als diese Verjüngung der alten ehrwürdigen Wiege des Deismus durch die europäisch zivilisierten Nachkommen ihrer alten Bewohner. Nur muss dieser Plan nunmehr anders als früher nicht bloss auf-, sondern auch angefasst werden. Er muss aus der Hand eines einzelnen an die Gesamtheit übergehen. Ein provisorisches Komitee müsse Abgeordnete aus allen jüdischen Religionsgemeinden Europas und Nordamerikas nach Berlin, der Hauptstadt des in der orientalistischen Politik neutralsten

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