Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 9 (6.5.1906)
- Date
- 1906-05-06
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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76 LITERATURBLATT No. 9 Ein Beitragzur Vorgeschichte des Zionismus Mitgeteilt von Hugo Schachtel. Isidor Kaim: Ein Jahrhundert der Judenemanzipation und deren christliche Verteidiger. Ein Rückblick auf Literatur und Geschichte. Leipzig: Albert Fritsch. 1869. 90 S. Auf dieses Büchlein, das meines Wissens weiteren Kreisen unbekannt ist, werde ich von einem meiner zionistischen Freunde hingewiesen. Es ist: Der Erinnerung an Baron James von Rothschild geweiht — Frau Baronin James von Rothschild in grösster Verehrung gewidmet. Verfasser bespricht die Entwickelung der Emanzipation in den einzelnen Staaten, in deren Geschichte er 3 Perioden unterscheidet: Humanitätsperiode bis 1806, Militärperiode von 1806—1848, Rechtsperiode nach 1848. Seinem auf Seite 1 ausgesprochenen Standpunkt. ״Es gibt in der Tat keine Judenfrage mehr“ ,widerspricht Verfasser selbst durch die von ihm geschilderte damalige gesetzliche Stellung der Juden in den einzelnen Ländern. Er bezeichnet die Staaten, die den Juden ihr Recht noch nicht zukommen lassen, als in der Zivilisation zurückgeblieben und muss auch von Deutschland, an das er wohl bei jenem Satz in erster Reihe gedacht' hat, zugeben: ״Zwar hat aller irdische Glanz seine Flecken“ (S. 74). Er verschliesst auch seine Augen nicht davor, ״dass in Stadt und Land noch vielfache Vorurteile gegen die gesellige Gleichheit, zumal seitens der Christen vorhanden sind.“ Aber diese Vorurteile glaubt er im Schwinden begriffen. ״Schaffet nur gute Schulen, freie Gesetze, hebt für beide den konfessionellen Charakter auf und alle Volksteile werden sich umarmen lernen.“ Danach aber kommt er zu der Frage, ob es noch ״ganz besonderer Anstrengungen, namentlich Verbindungen, der Juden bedürfe, um die Gesetzesgldichheit, wo sie noch nicht eingetreten, herbeizuführen,“ spricht sodann von der damals noch jungen ״Alliance israelite universelle“ und sieht schliesslich prophetischen Geistes diese überflügelt von dem Streben nach einer ״politischen Konzentration der Juden.“ Den Ausführungen darüber, folgen nur noch als Nachwort ״zwei Winke über die besondere Aufgabe der Juden in der Jetztzeit“ (1869), selbst stets Gewissensfreiheit zu fördern und für jeden politischen und sozialen Fortschritt einzutreten. Den Schluss des Buches selbst bilden aber die Ideen des Autors über die ״politische Konzentration der Juden,“ aus denen ganz moderner politisch-zionistischer Geist entgegenströmt. Dieselben seien hier wiedergegeben: Die segensreiche Tätigkeit dieses bedeutenden Vereines*) hat sich sich bereits vielfach, besonders itn Orient (die europäische Türkei eingeschlossen) geäussert. Wenn diese Gesellschaft •bisher in Deutschltnd nicht genügenden Anklang und Anhang gefunden hat, so liegt wohl der Grund hierzu zumeist in einer, freilich nicht mehr zeitgemässen Bangigkeit vor dem Vorurteil, als bildete sich das Judentum hierdurch zu ״einem Staat im Staate“. Dies scheint wohl auch die neue ungarische Regierung geargwöhnt zu haben, als sie vor kurzem (ganz gegen die Vereinsfreiheit) einen Zweigverein der Allianz in Pest einige Zeit hindurch untersagt hat. Vergisst man denn in Deutschland die zahlreichen Verbindungen christlicher Konfessionen, die sich über die ganze Erde verbreiten, den Gustav-Adolfs, den Boromäus-, Pius- und andere zahlreichen Vereine, die nicht immer so offen handeln wie die Alliance? Inzwischen dürften alle diese an sich löblichen Bestrebungen vom Geiste der Zeit überflügelt werden, so lange die Hauptunterstützung, eine politische Konzentration der Juden, ihnen noch mangelt. Es soll d'amit *) Alliance Israelite Universelle.