Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 9 (6.5.1906)
- Date
- 1906-05-06
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 9 LITERAT U R BLATT nung. Der Mann, der allein eine ganze philosophisch-sozialistische Literatur geschaffen hat, wurde von dem Laharanneschen Werke so angeregt,, dass er seine längst gehegten kritischen Ansichten über die Juden wieder hervorholte und sie zu einem positiven zionistischen Programm entwickelte. Seine Judenstaatsidee, die er in seinem berühmt gewordenen Werke ״Rom und Jerusalem” niedergelegt hat, war zionistisch, war palästinisch. Es konnte das nicht anders sein. Denn sie war ein Ausfluss seines nationalen Empfindens, das in keinem Widerspruch, stand mit seinem Kosmopolitismus, und sich mit ihm zu einem weitherzigen jüdisch-nationalen Fühlen und Denken vereinigte. In dem ganzen Jahrhundert nationaljüdischer Entwicklung aber, an dessen Ende wir stehen, hat alle Zeit das Mitgefühl mit dem Judenelend zur allgemeinen Judenstaatsidee geführt, losgelöst von territorialer Beschränkung. Dagegen hat das eingeborene jüdische Nationalgefühl, das sich im Judeinschmerz äussert, nie ein anderes Zukunftsland erträumt und erarbeitet, als nur das alte nationale Vaterland. Und dieser Gegensatz hat sich bis auf den heutigen Tag immer wiederholt. Hess aber, der von Kindheit an mit allen Fasern seines Herzens am Judentum hing, der seine stammestümliche Kultur mehr kannte als alle die zeitgegenössischen Rabbiner, die sich einbildeten, jüdische Wissen- Schaft zu treiben, dem die soziale Judennot völlig fremd war, kam aus seinem jüdischen Nationalismus in strenger Gedankenfolge zu dessen letzter und einziger Konsequenz, dem Juderistaate in Palästina. Mit dem Erscheinen von Moses Hess’ ״Rom und Jerusalem*) ist die erste Epoche national-jüdischer Gedankenentwicklung abgeschlossen.. Dies Werk ist zugleich der breite Grundstein, auf dem sich die weitere Entwicklung des nationalen Judentums aufbaut, die sich von der früheren besonders merklich dadurch unterscheidet, dass das osteuropäische Judentum die im Westen geschaffenen und systematisierten Ideen aufgreift und sie in die Seelen der Juden verpflanzt, wo eine grosse Judenmasse erst die materielle Grundlage nationaler Bestrebungen bietet. Das östliche Judentum übernimmt allmählich die Führung. Zum Teil getrennt und selbstständig entwickelt sich der jüdische Nationalismus im Westen weiter, um später in der Kolonisation. und dann besonders auf den Kongressen wieder mit dem inzwischen gewaltig erstarkten Zionismus des europäisehen Ostens zusammenzutreffen. Es ist das eine einzige Entwicklung, deren erste Spuren schon bei der Entstehung des Chassidismus und beim grossen Gasu Elyjähu von Wilna deutlich zu beobachten sind, und die trotz ihrer gewaltigen Kraftentwicklung doch erst am Anfänge dessep steht, was sie zu leisten vermag. Es ist der Kampf für die Freiheit, das Ringen einer unversiegbaren Lebenskraft nach unvertilgbarer Lebensbetätigung. Es ist der Freiheitskampf eines Volkes, dessen Geburt allein schon ein Freiheitskampf war ohne Gleichen. (Schluss des ersten Teils.) *) Leipzig: Eduard Wengler 1862. (239 S.) 8'.