Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 8 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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62 No. 8 LITERATURBLATT Vorgeschichtliches vom Zionismus Erster Zeitabschnitt. (Bis 1862.) Von Heinrich Loewe. (7. Fortsetzung) Die Engländer waren es überhaupt, die sich zuerst mit dem Gedanken vertraut machten, in Palästina wieder ein jüdisches Gemeinwesen entstehen zu sehen. War es doch ein so einflussriches Parlamentsmitglied wie Lord A s h 1 e y, der dem auswärtigen Ministerium eine Denkschrift über den Nutzen einer europäisch-jüdischen Kolonisation von Palästina überreichte. Wenn der Colonel Churchill damals nicht anstand, von einer Allianz der englischen und jüdischen Nation zu sprechen, wenn er sagte: ״Mag diese glückliche Begegnung angesehen werden als Pfand der Freundschaft und einer solchen Verbindung und einer Allianz zwischen der englischen und jüdischen Nation, wie sie beiden gleich ehrenvoll und vorteilhaft sein muss,” so zeigt das, dass sich der Engländer der Tragweite seiner Worte wohl bewusst sein musste, als er davon sprach, dass Juda seinen Rang und seine Stellung unter den Mächten der Welt in Anspruch nehmen sollte. Das ministerielle Blatt, der GLOBE, enthielt mehrere Artikel, welche dem Gedanken ausführlichere Gestalt gaben, auf dem zwischen Muhammad Ali und dem Sultan strittigen Gebiete, in Syrien einen neutralen Staat, ״eine Art Belgien” zu gründen, und zu diesem Zwecke daselbst durch Sammlung der Juden es zu erreichen, dass der zu gründende Staat allmählich jüdisch werde. Da sich gleichzeitig mit den vielen christlichen und vereinzelten jüdischen Stimmen, Palästina den Juden wiederzugeben, eine allseitige Reaktion gegen die Emanzipationsbewegung geltend machte, so ist es nicht zu verwundern, wenn die ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS ihre tiefe Besorgnis verrät, die jüdische Jugend möchte sich etwa fortreissen lassen, auf eine tatsächliche Kolonisation Palästinas einzugehen. Wie aber die jüdische Jugend damals wirklich dachte und empfand, ersieht man daraus, dass selbst ein so ausgesDrochener Reformer wie Julius Friedsohn eine grössere wissenschaftliche Abhandlung über Religionsphilosophie und Judentum nicht schliesst, ohne seinem nationalen Empfinden Ausdruck gegeben zu haben. ״Der geistige Messias, das heisst ein nationales Selbstg e f ii h 1, eine nationale Wiedergeburt durchzieht jetzt den Lebensstrom des rationellen Judentums, statt der bornierten hyperphysischen Träumereien, die früher die hohe messianische Idee umgaben und verdunkelten.” Auch sind uns noch aus dem Jahr 1841 zwei gedruckte Predigten erhalten, die eine vom Rabbiner K. Grunewald in Lehrensteinsfeld am Neckar, die andere vom Prediger B. Hochstädter in Wiesbaden, die beide die Messiasidee in politisch nationalem Sinne aufgefasst wissen wollen und offen den Wiederaufbau eines hebräischen Juden- Staates in der alten nationalen Heimat fordern,