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Jüdische Rundschau · 1906-03-16 · 8 (16.3.1906) · p. Seite 61

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
8 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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No. 8 Gl LITERATURßLATT vollständig, und auch die Terminologie ist nicht ohne Mangel; aber mir scheint, das ist der Weg, um die jüdisch-nationale Frage zu analysieren.*) Wir können diese Aufsätze, in denen soviel von nationalen Gegen- Sätzen die Rede war, nicht schiiessen, ohne im Sinne der jüdischen Propheten der nationalen Idee ihren kosmopolitischen Abschluss gegeben zu haben. Mathias Acher vertritt in der ״Jüdischen Moderne“ die Ansicht, dass nicht allein die ökonomische Struktur, wie Marx lehre, den Lauf der Geschichte bestimmt, sondern dass ihr die naturgeschichtliche Differenzierung der Menschen in Rassen und Nationen koordiniert sei, die die europäische ״Gattungskultur“, in den verschiedenen Himmelsstrichen modifiziere; und er fügt diesen Erörterungen folgendes Zitat bei: Friedrich Engels, der Freund Marxens, der Mitbegründer der materialistischen Geschichtsauffassung und der Theorie des Klassenkampfes, sagt in einer nachgelassenen Schrift: ״Seit dem Ausgang des Mittelalters arbeitet die Geschichte auf die Konstituierung Europas aus grossen Nationalstaaten hin. Solche Staaten allein sind die normale politische Verfassung des europäischen herrschenden Bürgertums und sind ebenso unerlässliche Vorbedingungen zur Her- Stellung des harmonischen internationalen Zusammenwirkens der Völker, ohne welches die Herrschaft des Proletariats nicht bestehen kann. Um den internationalen Frieden zu sichern, müssen vorerst alle vermeidlichen nationalen Reibungen beseitigt, muss jedes Volk unabhängig und Herr im eigenen Hause sein.“ Lazarus und Brandes glauben der Erkenntnis, dass im Laufe der Jahrhunderte und -tausende nationale und Rassenmischungen stattgefunden, jeden Sinn für natürliche Differenzierungen der Menschen opfern zu müssen. Ein Engels aber, ein Kosmopolit ersten Ranges, der den Grundstein zu einer gewaltigen internationalen Bewegung hat legen helfen, erkennt jene natiirliehen Grenzen an und verlangt ihre Respektierung als Vorbedingung zur Herstellung einer internationalen Verbrüderung. Diese geistige Klarheit wirkt wahrhaft erfrischend. Viele Menschen aber glauben, dass der Nationalismus nur in den Hirnen engherziger Menschen wohnen könne, und halten sich, wenn sie solches verkünden, für die Herolde der modernen Aufklärung.**) *) Lazarus und Brandes scheinen die beiden bedeutendsten Schriftsteller zu sein, die als Juden gegen den jüdisch-nationalen Gedanken geschrieben haben. Andere als die in unserem Aufsätze erwähnten Gründe sind meines Wissens von jener Seite nicht vorgebracht worden. Die Auf- Sätze von Dr. Seligkowitz (ISRAEL. WOCHENSCHRIFT) sind nicht erwähnt worden, weil sie nur Lazarus’sche?deen wiederholen. **) Vergl, Werner Sombart: Das Internationale der sozialen Bewegung. DIE NEUE RUNDSCHAU, November 1905 (S. 1297—1300).

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