Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 8 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- Seite 60 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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60 LITERATU RBL ATT JNo. 8 grossen Mehrheit der Nation, nicht in dem der westeuropäischen Minderheit ihre Entscheidung. Es bedarf keiner nationalen Konzession, um die Integrität unserer staatsbürgerlichen Rechte zu verteidigen. In verschiedenen europäischen Ländern sind die Juden — unbeschadet ihrer oben bewiesenen Zugehörigkeit zur jüdischen Nation — so weit in die fremden Kulturkreise hineingewachsen (ähnlich, aber intensiver wie die Polen in die deutsche Nation), dass sie, zumal im Besitz der Bürgerrechte, ein Bestandteil der deutschen Nation geworden sind. Nun berühren sich zwar (gerade in Deutschland) die Tendenzen und Ideenkreise der Staats- und ״Kulturnation“ in vielen Punkten; besteht doch im Deutschen Reich der Hauptbestandteil der Bevölkerung, also der Staatsnation, aus Deutschen, aiso aus Angehörigen der Kulturnation. Gleichwohl wird die Staatsnation eine Anzahl politischer, sprachlicher, geographischer, wirtschaftlicher und besonders allgemeinkultureller Prinzipien und Interessen in sich aufnehmen, die eben nur für das Deutsche Reich Bedeutung und Giltigkeit haben, und sie wird andererseits so manche Interessen der deutschen ״Kulturriation“ ignorieren. Weit deutlicher tritt noch diese Differenz in Oesterreich und in den Vereinigten Staaten Nordamerikas hervor. In eine solche Staatsnation können nun die verschiedenen kleineren Nationalitäten organisch hineinwachsen, und zwar umso leichter, je gemischt-rassiger die Gesamtbevölkerung des Staates ist; das hindert sie aber nicht, an den Traditionen und Hoffnungen ihr§r eigenen Kulturnation festzuhalten. Keineswegs ist also der jüdisch-nationale ״Deutsche genötigt, sich zur Verteidigung seiner staatsbürgerlichen Rechte auf eben seine Staatsbürgerschaft zurückzuziehen, auf seine allezeit treu erfüllten staatsbürgerlichen Pflichten hinzuweisen — 0 nein, er hat geniigend deutschen Geist in sich aufgenommen, um — in dem modernen Sinne der Staatsnation — bis zu einem gewissen Grade als deutschnational gelten zu können. Gewiss liegen diese Verhältnisse also sehr kompliziert. Aber wir sagten schon, dass die Klärung oft eine Komplikation einer Frage bedeutet, dass sie jedenfalls nicht immer eine Vereinfachung derselben herbeiführt. Wir können bedauern, dass die Situation der europäischen Juden eine so komplizierte ist, aber müssen sie begreifen und durch Definitionen oder in kurzen Sätzen festzulegen suchen. Die Ideallösung wäre die Errichtung des jüdischen Nationalstaates in Palästina. Unsere heutige nationale Situation ist fast unter allen Völkern ohne Beispiel und bietet ein Spiegelbild der Zerrissenheit der jüdischen Nation. Sie lässt uns aber die Möglichkeit offen, nach dem Grade unserer Angleichung an das moderne Kultur-Milieu eine Art deutsch-nationalen Gefühls empfinden zu können. Solange die Heisssporne in Volksversammlungen mit den extremen Schlagworten: ״Wir Juden sind eine Nation, wir.׳ sind Juden, aber nicht Deutsche! — Nein, wir Juden sind keine Nation, wir gehören zur deutschen Nation!“ operieren, gelangt man nicht zur Erfassung der eigenartigen nationalen Situation. — Viele Gedanken werden einer Nachprüfung bedürfen, andere sind un-