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Jüdische Rundschau · 1906-03-16 · 8 (16.3.1906) · p. Seite 59

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
8 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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No. 8 LITERATURBLATT 59 germanischer Herkunft ist, und es weiterhin nicht, gleichwertig ist, ob ein wendischer Volksstamm im germanischen Volke aufgeht, oder ein zum grossen Teile aus rassenzähen Semiten bestehender sich in dem germanischen Volke aufzugehen bemüht. Während also nach Lazarus alle Unterschiede zwischen deutschen Ariern und deutschen Juden fortfallen oder ohne Bedeutung sind, hebt er als einigend hervor die gleiche Sprache, das gleiche Vaterland, die gleichen erworbenen Rechte, dasselbe Gesetz, dieselbe Bildung. In gleicher Weise aber hätten sich die Juden unter allen Himmelsstrichen assimiliert — ein Philo schrieb griechisch, Maimonides arabisch, Spinoza lateinisch und Mendelssohn deutsch. Zunächst sei in parenthesi bemerkt, dass man zwischen Akkomodation und Assimilation wohl zu unterscheiden hat. Gerade die Semiten bieten ein hervorragendes Beispiel von hoher Akkomodationsfähigkeit bei minimaler Assimilation. Manches wird nun bei Lazarus verständlich, wenn man bedenkt, dass seine Schrift: ״Was ist national?“ im wesentlichen eine Streitschrift gegen Treitschke war. Hs sollte bewiesen werden, dass man uns weder auf Grund unserer Religion noch unserer Abstammung unsere staatsbürgerlichen Rechte zu kürzen befugt sei. Es scheint mir nun, dass — abgesehen von einigen Irrtümern, wie in der Frage der Religion — das in seiner Schärfe (fast könnte man sagen: Uebertreibung) höchst merkwürdige Resultat vor allem dadurch verschuldet ist, dass Lazarus die komplizierte nationale Frage zu schematisch beurteilt — dass er in diesen so weitschichtigen Fragen, deren Beantwortung das Wesen eines unter höchst abnormen und komplizierten Verhältnisse lebenden Volkes erschöpfen soll, fortwährend nach der Devise ״entweder — oder“ operiert. Hat er eine Erscheinung beobachtet, so schliesst er. dass eine andere, wesensungleiche, vielleicht entgegengesetzte, ausgeschlossen sei. Diesen Geist atmet vor allem der Satz: ״Es gibt schlechterdings keinen Juden, der nur noch einen jüdischen Geist hat.“ Tatsächlich zeigt das Leben des jüdischen Volkes oft scheinbare Gegensätze in sich vereint. Wir halten an den obigen Beweisen fest, die unseres Erachtens einen Zweifel an der Existenz der jüdischen Nation nicht zulassen. Aber können oder wollen wir deshalb jene von Lazarus hervorgehobene Tatsache ignorieren, dass wir in den deutschen Kulturkreis tief eingedrungen sind, ebenso wie einst Philo in den griechischen? Dass wir nicht nur Kultur an sich, moderne Weltkultur, sondern ein gut Teil spezifiisch deutscher Kultur in uns aufgenommen haben? Schliessen sich denn solche Tatsachen gegenseitig aus, wenngleich ihre Kombination im Leben der anderen Völker etwas ungewönliches darstellt? Hierin liegt eben das Rationelle der Trennung von zwei verschiedenen Formen der Nation (wenngleich ihre Namen nicht ganz treffend gewählt sind). Auch ist nicht zu übersehen, dass selbst unsere völlige Assimilation, wenn sie möglich oder gar vollzogen wäre, auf die Frage, ob es eine jüdische Nation gebe, ohne jeden Einfluss wäre; denn diese Frage findet in dem Wesen und Verhalten der

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