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Jüdische Rundschau · 1906-03-16 · 8 (16.3.1906) · p. Seite 58

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
8 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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58 LITERATURBLATT No. 8; daher den Begriff Kulturnation weiter, obwohl er auf die jüdische Nation gar nicht recht zutrifft. — Kirchhoff, der sich ,mit den Juden nur in wenigen Zeilen befasst,, kommt natürlich zu dem Resultat, dass sie in ihrer Beziehung zum Deutschen Reich wie die Polen eine Nationalität, dass sie als Ganzes eine ״Kulturnation“ darstellen.׳ Als Beispiele von Kulturnationen nennt er die alten Griechen,von denen wir bereits gesprochen haben; weiterhin die- Polen, die ihre Kultur vor den Russen begründet haben, über ihre eigene Geschichte, Sprache und Literatur verfügen, und seit der Zertrümmerung ihres aus inneren und äusseren Gründen lebensunfähig gewordenen Staates ihre Kultur und ihr nationales Empfinden weiter pflegen und die Wiedergewinnung der Freiheit im Auge behalten. Vor 1866 gab es nur eine deutsche Kulturnation. Grosse Teile waren von derselben abgebröckelt und an die Niederlande, Schweiz, Ungarn, Amerika verloren gegangen — da erhielt die Kulturnation einen Kern im Nationalstaat. Wie aber, — so lautete eine Überlegung von Bismarck — wenn vorher die feindlichen Nachbarn über die Deutschen hergefallen wären! Die Deutschen wären dann wie die Polen eine Kulturnation geblieben. Ganz analog schliesst dann Kirchhoff auf die Juden: ״Versunken ist nach mehrfachem Wiederaufleben das Reich der Juden für immer (das Prophezeien ist ein undankbares Geschäft mit Rücksicht auf die Eventualität, dass es manchmal anders kommen kann. Verf.), aber die jüdische Nation wdhnt in allen Erdteilen, obschon die Juden unter Aufgeben ihres Glaubens und ihrer Sonderbräuche mehr und mehr in denjenigen Nationen aufgehen, unter denen sie heimisch geworden sind.“ Dass die letztere Bemerkung für die bei weitem überwiegende Majorität des jüdischen Volkes nicht im geringsten — zumal was den Glauben anlangt — zutrifft, kommt hier nicht in Betracht. Mit Recht aber bekämpft Kirchhoff den Satz von Lazarus: ״Die Juden haben keine Nationalität mehr; es gibt schlechterdings keinen Juden mehr, der nur noch einen jüdischen Geist hat!” Man" braucht nicht erst wie K. an die Juden in den marokkanischen Ghettos zu denken, um zu begreifen, dass von einer völligen Entnationalisierung der Juden nicht die Rede sein kann. Am befremdlichsten an diesem Wort von Lazarus ist die Superlativität, in der er spricht: ״Keinen Juden, der nur noch einen jüdischen Geist hat.“ Ist denn die Erfüllung einer so radikalen Forderung nötig, um ein wirklich nationaler Jude zu sein? War die Forderung zur Zeit des jüdischen Nationalstaates bei vielen, bei allen Bürgern erfüllt? Haben alle Juden heute nur noch einen nicht-jüdischen Geist? Und wer seinen jüdischen Geist nicht in vollstem Masse mehr hat, ist der entnationalisiert? Lazarus erkennt keines der erwähnten nationalen Merkmale als solches an, auch die Religion nicht. Wir glauben im vorstehenden das Gegenteil gezeigt zu haben. ״Die Abstammung allein ist es, durch die wir uns von den Deutschen unterscheiden.“ (Wiederum fällt die Superlativität des Ausdruckes auf.) Aber die Verschiedenheit der Abstammung hält er in dem gemischt-rassigen Deutschland für bedeutungslos, obwohl zunächst die grosse Mehrheit des gemischt-rassigen deutschen Volkes doch immerhin

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