Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 8 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu Q .Jüdische Rundschau“ Jahrg. XL No11 ״ Herausgegeben von Dr. Heinrich £oewe. Q Redaktion: BERLIN N. W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. 8. Berlin, 19. Adär 5666 — 16. März 1906 Jahrg. 11 Jüdische Nation und Nationalität Von Dr. Aron Sandler-Breslau. (Schluss.) Ohne Zweitel hat die nationale Religion, die durch Jahrtausende so eng in das Leben des einzelnen Juden eingriff, dem Stamm in mannigfacher Beziehung sein Gepräge gegeben. Man gerät im Verfolg dieser Idee allerdings allzu leicht auf das Gebiet der Phantasie, und ich möchte mich daher auf ein Wort von Brandes beschränken, der in einem Aufsatze über das Buch Kohelefch den Sinn der Juden für soziale Gerechtigkeit, der gerade in der modernen Geschichte so oft zum Ausdruck gelangt ist, als einen durch die Religion dem Volkscharakter tief eingeprägten Zug ansieht. Gegenüber diesen grossen einigenden Momenten: dem historischen Bewusstsein, dem Willen zur Nation, der Blutsverwandtschaft und dei Religion treten heute die übrigen zurück. Das liegt im Wesen der Zer- Streuung begründet. So konnte sich in der ganzen Nation weder gleiche Sitten und Gebräuche, noch die gleiche Sprache in vollem Masse erhalten. Nur das grosse nationale Schriftturrt; das sich um die Bibel gruppiert, gehört zum eisernen Kulturbestand der jüdischen Nation, aber die Sprache ihrer Literatur ist nicht ihre Volkssprache. Bemerkenswert ist es immerhin vom nationalen Standpunkt, dass die kompakten jüdischen Massen ihre sprachliche Eigenart haben; sie sprechen zumeist nicht die Sprache ihrer Wirtsvölker, sondern sprechen in Russland jüdisch-deutsch oder im Orient spagnolisch. Diese mangelhaft ausgebildeten nationalen Merkmale, die eine betrübende Folge des Golus sind, könnten in einem Nationalstaat zu neuer Entfaltung gelangen. Nach diesen Erörterungen ist es klar, weshalb wir den Ausdruck ״Kulturnation“ als zu eng gefasst beanstanden mussten. Was die Armenier oder gar die Juden im Gegensatz zu einer Staatsnation zu einer anderen Art von Nation vereinigt, ist, wie wir gesehen haben, nur zum geringeren Teile eine spezifische Kultur. Es fehlt uns ein Wort, das diesen Begriff so vollständig erschöpfen könnte, dass es z. B. auf die deutsche Kulturnation ebenso anwendbar wäre wie auf Juden und Armenier. Wir benutzen