Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-03-09 · 7 (9.3.1906) · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
7 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8295971-9045928-8207933--252-8189898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 7_ LITERATURBLATT 5L eines hervorragenden nationalen Merkmals anerkennen. In diesem Punkte aber stossen wir auf Widerspruch; die Begründung des entgegengesetzten Standpunktes finden wir bei Lazarus, aber ich kann nicht zugeben, dass sie logisch ist. ״Nur unsere Abstammung ist nicht deutsch“, sagte Lazaru s. Man fragt erstaunt: Ist denn unsere Religion deutsch? Selbst wenn wir sie ihres nationalen Charakters entkleiden wollten? Lazarus antwortet: Es gibt keine deutsche Religion; der Katholizismus und der Protestantismus sind ebenso französisch, englisch und italienisch, wie sie deutsch sind. Ebenso ist das Judentum französisch, englisch, italienisch■ usw., denn Franzosen, Engländer, und Italiener sind Juden; das Judentum ist ganz in demselben Sinne deutsch, wie das Christentum deutsch ist. Und weiterhin argumentiert Lazarus: Jede Nationalität umfasst heute mehrere Religionen, wie jede Nation mehrere Nationalitäten. Also man schliesst: Da es keine nationale Religion sonst gibt, so ist die jüdische Religion kein nationales Merkmal. Nun, zunächst müssen wir überhaupt die ״Tatsache” bestreiten, auf die sich Lazarus stützt. Ganz sicher war und ist die Religion ein kolossal einflussreicher nationaler Faktor, der auf Entstehung und Erhaltung' der Nationen von grossem, oft entscheidendem Einfluss gewesen ist. Ich habe nur kurz an bereits erwähnte Beispiele zu erinnern. Die portugiesischen und spanischen Ritterheere schufen im Kampfe gegen den Halbmond und für das Christenkreuz die spanische Nation. Nicht zum geringsten war es die Abneigung gegen den Katholizismus, die die Niederländer zum Freiheitskampfe gegen Spanien aufstachelte; viele unverwandte Glaubensbrüder wurden damals in die neue Nation uafgenommen. Eine wichtige Rolle spielte das orientalische Christentum im Wesen und in der Ausbreitung des Russentums, und der Islam vollends hat in Asien und Afrika wildfremde Völkerscharen aneinandergeschweisst und zu Siegen geführt. Diesen historiehen Beispielen (Kirchhoff) lassen sich solche aus der Gegemyart anreihen. Der nationale Gegensatz zwischen Belgiern und Niederländern ist u. a. in dem zumeist verschiedenen Glaubensbekenntnis tief begründet. Wir berichteten schon, dass die Griechen in den türkischen Ländern, wo sie ihre Sprache aufgegeben haben, nur durch ihre Kirche, ihre Nationalität behaupten. Ja, besonders interessant ist die Äusserung Georg Brandes’, der doch gewiss nicht in dem Geruch allzu nationalistischer Auffassung stehen wird —, dass die nationalistische Bewegung in Frankreich einen national-regiliöseü Beisatz hat, der sich gegen die Protestanten kehrt. Wir bleiben also dabei, dass die Religion sehr wohl ein nationales Merkmal darstellen kann. Dass dies z. B. für den Katholizismus und Protestantisrnus Deutschlands nicht zutrifft, stösst die gegenteilige Tatsache in anderen Ländern nicht um. Nun scheint es mir aber unbillig, eine nationale Trennung durch Protestantismus und Katholizismus mit einer solchen durch Christentum und Judentum vergleichen zu wollen. Wie sehr verschärfen sich sofort die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.