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Jüdische Rundschau · 1906-03-02 · 6 (2.3.1906) · p. Seite 44

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
6 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 44 (sequence 4)
Language
German
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44 LITERATURBLATT No. f> weist. Beide Schriftsteller geben ihren nationalistischen Lehren antisemitisehe Spitzen. Brandes erkennt den fremden Geist des Judentums nicht an, er schildert die Einwirkung bedeutender jüdischer Geister (Musiker, Natio־ nalökonomen, Schauspieler, Dramatiker) und jüdischer Lehren (religiöser Ideen) auf die christliche Welt. Da zwischen ungleichartigen Grössen eine Wirkung nicht stattfindet, so müssen die Geister verwandt sein. Und nun werden die Beispiele, die gegen den Nationalismus überhaupt zeugen sollen, nur so dutzendweise aus dem Aermel geschüttelt. Er zeigt, dass die Namen der. heutigen Nationen von Stämmen, die anderen Nationen angc hörten, herstammen. Die heute führenden Stämme einzelner Nationen waren früher die unbedeutendsten oder gehörten zu anderen Nationen. Die Nationalhelden, Nationaldichter und Nationalkünstler sind oft fremder Abstammung, und geradezu belustigend wirkt die Liste der Herrscherfamilien, die aus ganz anderen Nationen stammen als sozusagen den ״ihren”. Nun, wir können und brauchen nicht zu leugnen, dass ganze jüdische Ideenkreise, z. B. nationalökonomischer oder religiöser Natur, auf die christliche Welt übergehen können. Kirchhoffs und unsere Vorstellungen von der Entstehung der Nationen machen es ja gerade verständlich, dass selbst aus den heterogensten Elementen eine Kultur- und Staatsnatioir entstehen kann. Die Tatsache der Nation wird nicht erschüttert, ja nicht einmal berührt durch die fremde Abstammung des Nationalhelden, und ganz bedeutungslos ist der fremde Völkername, der auf eine ursprüngliche Nationen- oder Rassenmischung und -Verschiebung hinweist, Welche ja für die heutige nationale Individualität ganz gleichgiltig ist. Ebenso kann ein fremdes Herrscherhaus in eine neue Nation hineinwachsen, zumal eine tiefgreifende RässenvCrschiedenheit in den modernen Staaten hierbei kaum einmal in Frage kommt; gelingt ihm dieses organische Hineinwachsen nicht, so gehört es eben nicht auf den Thron, und dieser auf einen Akt der Willkür zurückgehende fehlerhafte Zustand gefährdet doch nicht den Begriff Nation. Nicht die kleinlichen ethnographischen Rücksichten definieren die Nation; man darf ihnen gegenüber nicht die grossen bestimmenden Faktoren, die wirtschaftlichen und religiösen, die durch gemeinsame Schicksale, relative Rassenreinheit, durch Politik, Klima und manches andere gegebenen ignorieren; und man darf, wenn man schon unbilligerweise mit hauptsächlich anthropologischen Waffen kämpfen will, nicht das Ent- Wicklungsprinzip auf die Spitze treiben, allenthalben nach Urrassen schnüffein, und, da man solche nirgends entdecken kann, alle physischen Differenzierungen einfach fortleugnen. Wir stehen mit diesen polemischen Erörterungen, die wir später fortsetzen müssen, bereits mitten in der Frage: Gibt es eine jüdische Natkw־? Nachdem wir ־unsere Auffassungen über den Begriff ״Volk” dargelegt haben, befassen wir uns hier nur mit den Begriffen ״Nation” und ״Nationalität”. Die abnorme Lage, in der sich die Juden befinden, gestattet die Frage komplizierter als in jedem anderen Falle. Aber bedenken wir, wre wir oben die Definition gewonnen haben. Es ist nicht gestattet, von einem a-prioristischen Begriff auszugehen, der vielleicht durch die Be-

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