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Jüdische Rundschau · 1906-03-02 · 6 (2.3.1906) · p. Seite 45

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
6 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 45 (sequence 5)
Language
German
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4:5 No. (> LITERATU RBL AT T tiachtung der europäischen und amerikanischen Nationen gewonnen, der aber vielleicht auf eine asiatische Nation nicht zugeschnitten ist, und nun, auf dem vorgefassten Begriff fussend, die Tatsache der asiatischen Nation zu bestreiten. Solch ein Salto mortale wäre nichts Neues. Wesentliche nationale Merkmale fehlen der jüdischen Nation, während sie andere besitzt, die den europäischen Nationen abgehen. Es fehlt nicht nur die staatliche Organisation (die fehlt sehr vielen Kulturnationen), sondern die ganze Nation lebt über den Erdball zerstreut. Die Stellen auf der Erde aber, wo Juden in kompakten Massen leben, oder wo die Majoritat der jüdischen Nation lebt, sind nicht mit dem Lande identisch, in dem einst ihr Nationalstaat bestand. Immerhin hat einst ein blühender Nationalstaat bestanden, und die Hoffnung auf seine Wiederaufrichtung ist der grossen Masse der Nation nicht abhanden gekommen. Auch die Armenier haben sich von ihrem Zentrum aus weit nach allen Richtungen zerstreut und bilden, wie erwähnt, nirgends eine Majorität in der Bevölkerung. Immerhin sitzen sie aber noch in Massen auf jenem Territorium, auf dem einst der einen grossen Teil der armenischen Kulturnation umfassende Nationalstaat bestanden hat. Auch die Griechen, die freilich im Verhältnis zu den Juden immer noch relativ konzentriert beisammen wohnen, sind über sämtliche Küsten des östlichen Mittelmeerbeckens zerstreut, sie haben dort zürn Teil ihre Sprache vergessen und sind von der übrigen Bevölkerung nur durch die Kirche unterschieden. Nur ein Teil ist auf dem hellenischen Boden staatlich organisiert. Dabei sind sie eine ausgeprägte Nation. Die Kenner des Orients prophezeihen gerade den Armeniern und Griechen (vielleicht mit den Juden als Dritten im Bunde) eine glänzende wirtschaftliche nationale Zukunft im Orient. Und gerade mit diesen dreien ist es in territorialer Hinsicht schlecht bestellt: eine eigenartige lllustration zu dem Dogma liberaler Rabbiner, dass Nationalität und Staatsbürgerschaff identische Begriffe seien. Das psychologische Moment, dessen hervorragende Bedeutung 'wir anerkannt haben, trifft bei den Juden unbedingt zu. Es besteht in der Majorität der Wille zur Nation, das Gefühl der Zusammengehörigkeit (durch innere Notwendigkeit, nicht nur durch Interessensolidarität). Es ist überflüssig, zu erörtern — obwohl es den christlichen Autoren nicht immer genügend -bekannt zu sein scheint — dass das Judentum während des Mittelalters und bis in die allerneueste Zeit hinein national bis auf die Knochen war, dass seine Weltanschauung, sein tägliches Denken und Fühlen, sein Kultus von nationalem Geiste ganz und gar durchtränkt war. כי‘ ישראל jeder Sohn jüdischer Eltern, so heisst es, hat Anteil an der kiinftigen Welt; nicht erst sein Glaubensbekenntnis stempelt ihn zum Juden. Die Hoffnung des Judentums klammerte sich an den Messias, dessen Wie• derkehr mit der Wiederaufrichtung Zions verknüpft ist. (Fortsetzung folgt.)

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