Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 5 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 LITER ATU RBL ATT No. ö Nationalbewusstseins. Ihm ist also das Nationalgefühl lediglich das Ergebnis einer Reflexion, das mit der» Triebleben nichts zu tun hat. Wo dennoch in einer Nation, z. B. der jüdischen, gemeinsame Züge bestehen, seien diese durch historische Geschehnisse und Vererbung der Nation aufgeprägt. Keineswegs bedarf es hierfür der Annahme primärer Rassenmerkmale. Ich habe damals in meiner Schrift: „Anthropologie und Zionismus” (1904) u. a. erwidert, dass die „historisch anerzogene, vererbte Eigenschaft” den Rassenbegriff nicht ausschalte, weil das soge^ nannte primäre Rassenmerkmal von ihr gar nicht verschieden sei. Es wurde nie in grauer Vorzeit eine Rasse mit bestimmten Rassenmerkmalen in die Welt gesetzt, sondern die Mittel und Wege, deren sich die Natur bedient hat, um die Rasse entstehen zu lassen, sind bis auf den heutigen Tag wirksam geblieben. Das Rassenmerkmal und die historisch anerzogene. vererbte Eigenschaft sind demnach biologisch gleichbedeutende Begriffe, die nur auf verschiedene En'tstehungs Zeiten hindeuten. Es ist notwendig, in diesem Punkte nicht locker zu lassen. Jede Konzession an den rein psychologischen Standpunkt verwirrt den nationalen Begriff und tut unseren lebendigen Empfindungen von Nation und Rasse Gewalt an. Keineswegs gelangen wir so zu einem klaren Verständnis von den in unserem Bewusstsein schwebenden Empfindungen natürlicher Gegensätze. Auch Lazarus legt natürlich auf diesen Punkt grosses Gewicht. Nicht aus der Prüfung objektiver Verhältnisse, so ist sein Standpunkt, kann man eine Definition des Volkes gewinnen, sondern „wir haben die vorhandenen subjektiven, von den Völkern stillschweigend (implicite) gegebenen Definitionen von sich selbst zu erläutern.” Der Begriff Volk beruht nicht auf gleicher Abstammung, Sitten, Gebräuchen, Territorium, selbst nicht gleicher Sprache, sondern der Begriff beruht auf der subjektiven Ansicht der Volksglieder von ihrer Gleichheit und Zusammengehörigkeit. Ein Volksgeist, wodurch er auch entstanden sein mag, schafft erst die Vorstellung und damit die Sache Volk. Der Hauptbegriff ist der freie Akt der Selbsterfassung als ein Ganzes.” Lauter Wahrheiten, die aber in ihrer einseitigen Betonung, wie wir sehen werden, auch bei Lazarus zur Unterschätzung bedeutsamer objektiver Tatsachen führen. Diese Gedankenrichtüng in der Literatur des Nationalismus, die natürlich unsern jüdisch-deutschen Assimilanten sehr willkommen ist, findet übrigens in der modernen Philosophie ihre Parallele. Nachdem der materialistische Monismus abgewirtschaftet hat, ist die Ostwaldsche Lehre von der Energetik und der Psychomonismus von Verworn entstanden. Man beging den Fehler der Einseitigkeit von neuem, verfiel von einem Extrem in das andere, und während sich eine Gruppe von Problemen zu lösen schien, gestaltete sich eine neue. So ist auch bei Lazarus das psychologische Moment so vorherrschend, das die sämtlichen äusseren nationalen Merkmale, eine ganze Welt von Tatsachen, seinem