Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 5 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 5 37 LITERATURBLATT der deutsche Begriff Nation, bezw. Kulturnation vom Franzosen durch peuple, vom Engländer durch people ausgedrückt wird. Wenn wir im Baseler Programm den Ausdruck „jüdisches Volk” finden, so soll damit nicht irgend ein Einigungsbegriff geschaffen sein. Gemeint war damit die durch vielfache Bande zusammengehaltene jüdische Nation, von deren nationalem Charakter wir noch zu sprechen haben werden. Der Ausdruck „jüdisches Volk” sollte nicht in dem matten Sinn Kirchhoffs gemeint sein, er sollte ein Programm bedeuten, und zwar das jüdisch-nationale Programm. Die Bezeichnung Volk wirkt in diesem Falle etwas praesumptiv und verleiht der Nation den Beigeschmack des Staatlich-Politischen, der ja allerdings dem politischen Zionismus nicht fremd ist. Es wäre also sprachlich richtiger gewesen, in dem deutschen Programm des Zionismus — wenn auch nicht in dem französischen und englischen — von der jüdischen Nation statt vom jüdischen Volke zu sprechen. — Mit genügender Schärfe hervorgehoben hat Kirchhoff die Bedeutung des Willens zur Nation, der auf geographischen, wirtschaftlichen, politischen, religiösen, allgemein-kulturellen, historischen, anthropologischen und anderen Motiven beruht. Rein psychologische Vorgänge bilden das Fundament des Nationalbewusstseins, des Nationalgefühls, des Nationalstolzes. Während sich bei der Definition der Nation immer wieder in der Literatur das Bestreben geltend macht, seiner eigenen Wissenschaft die Hauptstützpunkte für das Wesen der Nation zu entlehnen — während also der Anthropologe zur Ueberschätzung der Blutsverwandtschaft, der Sprachforscher zur Ueberschätzung der Sprachverwandtschaft, der Geograph zur Ueberschätzung des Milieus neigt —, zeigt sich in diesem Punkte mehr oder minder völlige Uebereinstimmung. Bedenklich aber wird auch der psychologische Standpunkt, wenn er zu einseitig vertreten wird, wenn unter Ausser-Achtlassung aller äusseren Momente das psychologische zum allein bestimmenden erhoben wird, wenn ich jeder -beliebigen Nation angehören kann, von der ich erkläre: sie ist die meine! Man gelangt dann zu den willkürlichsten Konsequenzen, und es ist begreiflich, dass man sich dieser ebenso bequemen wie radikalen Methode im Kampfe gegen den deutsch-nationalen Antisemitismus bedient hat. Auch in den preussischen Jahrbüchern vertrat Hans Richter-Bromberg den einseitig psychologischen Standpunkt in einem Artikel: „Das Nationalgefühl als psychologisches Phänomen” (1902). In No. 51 der JÜDISCHEN RUND¬ SCHAU behauptet demgegenüber Dr. Friedemann, dass das Nationalbewusstsein auf einer bewussten Betonung latenter Triebe und Instinkte beruhe, dass eine gewisse Summe spezifischer Triebe, in unserem Falle eine jüdische Individualität, primär vorhanden sein müsse, und dass erst ihre Erweckung durch einen Akt freier Entschliessung zum Nationalbewusstsein erhoben werden könne. Heinrich Meyer Cohn (ebenda No. 52) legt indes auf die Betonung des Gegensatzes, der sich zwischen zwei Völkern aus irgend einem Grunde bemerkbar gemacht hat, grossen Wert und hält, ihn für die notwendige Voraussetzung zur psychologischen Entstehung des