Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 5 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 No. 5 LITERATURBLATT Kulturnation eingeführt sind, würde sich der Rezensent gegen diese Konsequenzen heute nicht mehr zu sträuben brauchen. Bezüglich der Juden musste der Verfasser der damaligen Broschüre die Konsequenz ziehen, dass mit dem Untergange des Staates die jüdische Nation untergegangen sei. Er gesteht den Juden die Bezeichn nung Volk (von seinem Standpunkt ein billiges Zugeständnis) und Nationalität zu, verweigert ihm aber die Anerkennung des Titels „Nation’. Ja, er imputierte den Juden selbst derartige Auffassungen, und er war mit dem Fühlen und Denken der bei weitem überwiegenden Mehrheit des jüdischen Volkes so wenig vertraut, dass er (24,25) mit dem Mute der Unwissenheit erklären konnte: nur so lange es jüdische Staatsgrenzen gab, war der jüdische Nationalgedanke in Kraft. Das Geistesleben der Juden im Mittelalter war ihm eine terra incognita.’ Wir halten zwar diese Begriffsverdrehungen für abgetan, müssen aber bedauern, dass sie in der Literatur 3 Jahre lang vegetieren durften, ohne dass Kirchlich d-e Vaterschaft, deren er bezichtigt wurde, abgelehnt hätte. In der Zwischenzeit arbeiteten liberale Rabbiner mit diesem „wissenschaftlichen Material”. Ein Pröbchen davon später. Ich möchte nun 2 Punkte behandeln, in denen ich Kirchhoff nicht oder nicht voll beistimme. Der Begriff Volk ist keineswegs — gerade nach der induktiven Methode der Definition — als so nichtssagend zu betrachten. Populus ist zwar ein unbestimmter Begriff, und die Broschüre erinnert mit Recht daran, dass das Wort ebenso für den kleinsten Volksstamm wie für die ganze römische Nation gebraucht wurde. Senatus populusque Romanus. Aber ist nicht das lateinische Wort natio in ebenso verschiedenem Sinne gebraucht? Das krasseste Beispiel ist die nazione Fiorentina, womit die Stadtbevölkerung von Florenz gemeint ist. Nach unserem Sprachempfinden wenden wir den Begriff Volk dort nicht an, wo wir von einer Kulturnatiori im Sinne Kirchhoffs sprechen. Das deutsche Volk ist nicht jene grosse Kulturnation, die sich auch über die Niederlande, die Schweiz und Oesterreich-Ungarn ausgebreitet hat, sondern das Wort deckt sich ungefähr mit dem Begriff: Bevölkerung des deutschen Reiches, wobei ich nicht entscheiden möchte, ob es einen Anklang an die deutsche Staatsnation an sich trägt. Doch ist mir das wahrscheinlich. Darnach wäre der Ausspruch Bluntschlis verständlich, das Wort Nation bezeichne einen Kulturbegriff, das Wort Volk einen Staatsbegriff. Aber auch diese Definition ist zu schematisch. Denn das Wort ist auch im politischen Zusammenhänge nicht recht angebracht dort, wo es den Staaten nicht gelungen ist, eine Nation zu schaffen. So könnten wir wohl von einer Bevölkerung, nie von einer Nation, aber nicht gut von dem Volk des napoleonischen Staates sprechen. Dagegen scheint sich, wie gesagt, der Begriff am besten mit der Staatsnation Kirchhoffs zu decken. Interessant ist, dass, wie ich aus einer Notiz in Meyers Lexikon ersehe, der Franzose mit nation und der Engländer mit nation gerade das bezeichnet, was der Deutsche nicht als Nation, sondern als Staatsvolk bezeichnet, während