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Jüdische Rundschau · 1906-02-16 · 5 (16.2.1906) · p. Seite 35

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
5 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 35 (sequence 3)
Language
German
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No. 5_L 1_T E,R ATURBLAT T_ 35 Da ich die Definition von Nation und Nationalität für sehr glücklich halte und zur Basis einer Erörterung über jüdische Nation und Nationalität wählen möchte, so war ich zu solcher Ausführlichkeit gezwungen. Zu beanstanden wäre im wesentlichen nur folgendes: Die dem allgemeinen Sprachgebrauch zuwiderlaufende Auffassung des Begriffs „Volk”, die zu einseitige Anwendung des im übrigen treffend definierten Wortes Nationalität, ferner einige nationalpolitische Einzelheiten (z. B. Kirchhoffs Auffassung über das Verhältnis Russlands zu seinen randständigen Nationen), und endlich der nicht umfassend genug gewählte Ausdruck „Kulturnation”. Es ist zwar hervorzuheben, dass die Einführung eines solchen Begriffs im Gegensatz zu dem der „Staatsnation” selbst dann, wenn er nicht treffend genug ausgedrückt ist, ausserordentlich zur Klärung der Frage beiträgt. Gerade bei der Erörterung der jüdisch-nationalen Frage wird sich aber dieser Ausdruck als nicht weitgehend genug erweisen. Auf den ersten und letzten Einwand kommen wir noch zurück. Bevor wir uns der jüdischen Frage zuwenden, möchte ich kurz die in einer 1902 erschienenen Broschüre niedergelegten Anschauungen hier kurz skizzieren, die seiner Zeit viel Zustimmung und viel Widerspruch erfahren haben, und die zu den obigen zum Teil in lebhaftem Widerspruch stehen. 1902 erschien die Schrift: Was ist national? Ein Vortrag von Alfred Kirchhoff, zum Druck gebracht von Alfred Funke, Halle a. S. Kirchhoff gibt nun im Vorwort zu seiner jetzigen Broschüre an, dass die Schrift von 1902, die ihm zugeschrieben wurde, nur teilweise auf der stenographischen Niederschrift eines von ihm in Halle gehaltenen Vortrages beruhte und mit zahlreichen Einflechtungen des Herausgebers zum Druck befördert wurde, die der Verfasser keineswegs zu billigen vermag. Man begreift allerdings nicht, warum diese Mitteilung erst 3 Jahre nach Erscheinen der Broschüre erfolgt. Die Polemiken, die sich damals an die Veröffentlichung knüpften, sind nun durch die Eliminierung der Broschüre aus der Literatur hinfällig geworden. Die Flachheit und Verworrenheit ihrer Auffassung lag klar zu Tage. Der Begriff Volk wurde damals wie heute aus der Untersuchung als zu unbestimmt ausgeschieden. Die Nationalität sollte damals (12,13) die Summe der Stammeseigentümlichkeiten sein, während die Zugehörigkeit zur Nation gleichbedeutend war mit Staatszugehörigheit (23). Es hiess geradezu (3): „Das Merkmal der Zugehörigkeit zu einer Nation ist die Staatsbürgerschaft.” S. 38 hiess es: „Nicht die Nationalität, nicht Bluts- und Sprachverwandtschaft machen die Nation, sondern der Raum.” Es wird also Staat und Nation verwechselt. Diese Verwechselung führt den Verfasser zu der ungeheuerlichen Konsequenz, dass die Deutsch-Österreicher nicht zur deutschen Nation gehören. Herr Dr. Blau, der die Schrift in der JÜDISCHEN RUNDSCHAU (No. 33) abfällig kritisierte, lehnte auch die weitere Konsequenz ab, dass die deutsche Nation an den schwarzweiss-roten Grenzpfählen aufhöre, und\ dass es eine Nation der Vereinigten Staaten gebe. Nachdem jetzt die klärenden Begriffe der Staats- und

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