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Jüdische Rundschau · 1906-02-16 · 5 (16.2.1906) · p. Seite 34

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
5 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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:U _LIT ERATURBL ATT_No.f> entfa'mng, entsteht aus der Nation der Nationalstaat, der freilich von ausgebildeten Nationen zuweilen nicht erreicht wird — mit dem Sinken seinei Verteidigungskraft kann der Staat verloren gehen und später nur teilweise odei überhaupt nicht mehr aufgerichtet werden, ohne dass die Nation ihren Kulturbesitz einbiisst — ein Besitz, der oft nocii durch die Blutsverwandtschaft, immer aber durch das Zusammengehwigkeiisgciiihl als nationales Merkmal fortbesteht. Demnach sind Kultur- und Staat sr a t i o n e n oft nur der Ausdruck verschiedener Entwickeümgsstadien. Zuweilen jedoch kann es der Lauf der Geschichte fügen, dass die gieiche Nation, z. B. die deutsche, in beiden Formen (als Kulta-- und Staatsnation) besteht, ohne dass sich beide Begriffe objektiv decken. Sie decken sich nur zu einem grossen Teile. (Man denke an zwei sich mit dem S r b s s t f n T eile ihrer Flächen deckende Kreise von ungeiähr gleichem Radius.) Giebt es doch im Deutschen Reich Polen und in der österreichischen Monarchie Deutsche. Wie nach solcher Auffassung Juden, Polen und Armenier zu beurteilen sind, darüber später. — In das weit jüngere Wort „Nationalität” sind die unglaublichsten Definitionen hineingefabelt worden, von denen Kirchhof! eine kleine Blütenlese gibt. (Ein Statistiker schreibt: es sind so und so viel Schiffe türkischer, österreichischer und brasilianischer Nationalität in den Hafen von Smyrna eingelaufen.) Bald ist das Wort für Bevölkerung, bald für Staatsnation, bald für Kulturnation, bald für eine unbedeutende, unentwickelte Nation angewandt, bald bezeichnet es eine Gemeinschaft von Menschen, bald diö Zugehörigkeit des einzelnen zu dieser Gemeinschaft. Kirchhoff gibt nun der Nationalität einen spezifischen Sinn, indem er den Begriff relativ auffasst. Er bezeichnet mit Nationalität eine durch nationale, aber nicht politische Merkmale wohlcharakterisierte Volksgruppe, die sich als Teil aus einem Ganzen, z. B. einem Staate, heraushebt. Darnach ist Oesterreich ein Nationalitätenstaat. Ungarn und Deutschland aber sind Nationalstaaten mit einer führenden Nation „und Nationalitäten als Trabanten”. Innerhalb des deutschen Nationalstaates begegnen uns Polen und Juden als Nationalitäten. Daher sagte auch Napoleon, die Franzosen hätten „point de nationalite”, keine Nationalität, d. h. 'sie bilden nur eine Nation. Loewe hatte in der Nationalität die Summe oder das Produkt aller der Momente sehen wollen, durch die sich die Nation von Gruppen gleicher Art unterscheidet. Die Kirchhoffsche Definition ist weit treffender und stimmt zu den tatsächlichen Verhältnissen ebenso harmonisch wie zu unserem Sprachbewusstsein. Doch scheint eine gewisse Kombination insofern geboten, als Nationalität wohl einen Doppelbegriff darstellt, sowohl für die Volksgemeinschaft im Sinne Kirchhoffs, als auch für die Zugehörigkeit zu derselben. Es ist ebenso richtig, zu sagen: „ich bin polnischer Nationalität” wie: „Im deutschen Nationalstaat gibt es eine polnische Nationalität”. Wir hätten damit den Inhalt und zum Teil die Begründung der Kirchhoffschen Terminologie mit einzelnen Einflechtungen wiedergegeben.

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