Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 4 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. I _ LITERATURBLATT _*0 liehen und politischen Gründen bestrebt sein muss, seine Grenzen abzurunden, das Meer zu erreichen, Flussläufe zu umspannen, sien zwischen Gebirge und Meer einzurichten. (Fortsetzung folgt.) Literaturbericht Die nachda vidi sch e K ö n i g s g e s c h i c h t e Israels ethnogra phisch und geographisch beleuchtet von Dr. Erasmus Nagl, Prof, der Theologie in Heiligenkreuz. Wien und Leipzig 1905: Kais, und Kgl. Hof- Buchdruckerei und Hof-Verlags-Buchhandlung Carl Fromme. VI und 355 S. gr. 8°. ■ Der Verfasser betont an einer Stelle seines Werkes selbst, dass es. sich ihm nicht um eine Darstellung der Geschichte Israels, sondern um eine Beleuchtung der überlieferten Geschichte handelt. In der Tat hätte Nagl sein Buch auch nennen können: Ethnographischer und geographischer Kommentar zu II. Samuelis, I. und I. Regum u. Paralipom. Es soll aber kein Tadel sein, dass wir hier nicht eine zusammenhängende, selbständige Geschichtsdarstellung vor uns haben. . Das Buch ist vielmehr ein echtes Gelehrtenwerk von der ersten bis zur letzten Seite. Eixi fabelhaft grosses Wissensmaterial und eine erstaunliche Summe von Scharfsinn sind hier zusammengetrageii. Das ist um so bewundernswerter, wenn man weiss,, dass Nagl auf dem Lande, fern von; den Hilfsmitteln der Wissenschaft, wirkt. Da ist kein Völker- oder Fürsteinname, den er nicht mit Heranziehung aller Inschriften, die ihn erwähnen, richtig zu klassifizieren sucht, kein noch so kleiner Flecken, auf dessen Lage und Bedeutung er nicht liebevoll eingeht. Und obwohl er sich in der Geschichtsdarstellung reli referierend verhält, liest sich doch die Königsgeischichte Israels mit diesen Erläuterungen selbst im biblischen Berichte mit einem ganz anderen Ver-, ständnis als sonst. Die fragmentarisch hinter einander berichteten Ereigi lsse ordnen sich von selbst in einen sinnvollen Zusammenhang. Wichtig ist das Werk Nagl’s aber auch-schon wegen seines allgemeinen Standpunktes zu den biblischen Quellen. Nagl ist durchaus konservativ. Zwar ist wohl der letzte Grund hierfür seine theistische Anschauung;, denn diese tritt in seiner Darstellung so stark hervor, dass es vielleicht auf den . historisch denkenden Leser besser wirken würde, wenn einfach der biblische Bericht zur Grundlage des Kommentars genommen wäre. Aber sein konservativer Standpunkt zur Bibel als Quelle ist ausserordentlich wohltuend als Gegenstück zu der bodenlosen Zweifelsucht der „modernen“ Bibelkritik. Nagl steht auf dem historisch vernünftigeren Standpunkt, eine Nachricht der bibilschen Quellen solange für geschichtlich zu halten, bis sie durch andere Zeugnisse widerlegt ist (und dann lässt er sie ruhig fallen, wie er. sich auch nicht scheut, massvolle Textkritik zu üben), während „,die“ Bibelkritik der Bibel zunächst keinesfalls Glauben schenkt, bis sie genötigt wird, vor einer Keilinschrift das Feld zu räumen. In der wissenschaftlichen Arbeit verfährt Nagl durchaus vorurteilslos, nur zeigt er eben durch Heranziehung alter modernen Hilfsmittel, welchen hohen historischen Wert die biblischen Nachrichten besitzen. Bei der überaus sorgfältigen Zitierung aller Quellen und Quellenforschungen ist es auffallend und zugleich charakteristisch, wie selten die Koryphäen der modernen Bibelkritik genannt werden. Diese Konstruktoren —- und Destruktoren— der Geschichte Israels haben eben an der wahren Erforschung' der orientalischen Altertümer einen recht geringen Anteil. Sie sind nur Kritiker, keine Historiker.