Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 4 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 LITERATURBLATT und schwedische Nation, sprechen gleiche oder fast gleiche, die belgische, ebenso die schweizerische Nation, spricht mehrere Sprachen. Wichtiger als die Einheit in Abstammung und Sprache, in Religion und Sitte, die bei keiner Nation durchgeführt und bei mancher auch nicht entfernt vorhanden ist, wichtiger und charakteristischer für die Nation ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Wille, ein gemeinschaftliches Leben zu führen und zur Verteidigung der Gemeinschaft Opfer zu bringen. Historisch-politische Gründe, Nützlichkeitserwägungen waren es, die eine Anzahl Stämme, welche übrigens auch wirtschaftlich auf einander angewiesen sind, zu einer schweizerischen Eidgenossenschaft verbunden haben. Diese Eidgenossenschaft schuf sich ihre eigene Geschichte und liess mit der Erstarkung des Nationalgefühls eine Nation heranwachsen, die trotz Verschiedenheit ihrer Glieder in Abstammung und Sprache ein ausgesprochen nationales Gepräge hat: in politischen und Kulturidealen, in Frohsinn und Freiheitslust, in Vaterlandsliebe, in Literatur, Kunst und Forschung, in Schulwesen, in Fleiss und Industrie. Der Wille, der die katholischen, die industriellen Belgier, die ausserdem in ihren beiden nach Abstammung und Sprache gemischten Bestandteilen auf einander wirtschaftlich angewiesen sind, von den toleranten und religiös-gemischten Niederländern, den Seefahrern, trennte, dieser Wille schuf eine eigene Nation. So wird sich auch aus dem Afrikandertum, das neben den niederländischen Stämmen auch britische Elemente in sich aufnehmen wird, eine neue südafrikanische Nation allmählich herauskrystallisieren, in gleicher Weise, wie das in Nordamerika geschehen. — Oft schafft die Nation den Staatsgedanken, oft schafft der Staat die Nation, so dass von einem gewissen Zeitpunkt an die beiden Begriffe meist objektiv zusammenfallen. Immer aber ist für die Nation das Vorhandensein eines gewissen spezifischen Kulturkreises Voraussetzung. Daraus folgt schon, dass die staatliche Organisation zur Begriffsbestimmung der Nation nicht ausreicht. Der grosse napoleo nische Staat, die südamerikanischen Republiken oder der Staat Luxemburg, haben keine Nation geschaffen. Das alte Athen bildete einen Staat, aber es gab keine attische, sondern nur eine hellenische Nation. Ebenso verhielt es sich mit dem mittelalterlichen Staat Venedig. Andererseits aber kann eine staatlich nicht organisierte Gemeinschaft eine Nation darstellen, wenn sie über einen der Verteidigung werten und von ihr anerkannten geistigen und materiellen Besitzstand verfügt. Dann aber ist die Frage der Bildung eines Nationalstaates meist nur eine Frage der Zeit oder des Schicksals. Denn erst der Staat erhöht und sichert diesen Besitzstand, er fügt ihm neue Werte bei durch Blutmischung, Spracheinigung, durch Begründung nationaler Selbstständigkeit durch gleiche Schicksale und Opfer, durch Schaffung gleicher Traditionen und Geschichte. Nirgends aber finden wir die bluteinig geborene Nation — weder in der. gemischtrassigen Frankreich, noch England, noch Deutschland, am wenigsten in den Vereinigten Staaten oder in Oesterreich. Die Begriffe Staat und Nation werden um inkongruenter, je mehr der Staat aus Wirtschaft-