Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- II.1906
- Issue
- 4 (9.2.1906)
- Date
- 1906-02-09
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8295971-9045928-8207930--225-8189874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. L LITERATURBLATT 27 ragender Literatur führte. „Die Erblichkeit, sagt Bluntschli, erklärt nicht den Ursprung, sondern die Fortdauer der Nationalität.” Man darf auch nicht in den groben Fehler verfallen — vor dem übrigens schon Steinthal gewarnt hat —, die gleich sprachigen Nationen als stammverwandt zu betrachten. (Jeder Schulknabe spricht oder sprach ja von dem indogermanischen Sprachenstamm wie einer anthropologischen Einheit.) Die Bedeutung der Sprache für die Nation steht ja ausser Zweifel. Das lässt sich auch individuell- und völkerpsychologisch be weisen, wie das von Boekh geschehen ist. Es ist bekannt, dass der Wechsel der Sprache zur Entnationalisierung beitragen kann, dass Portugal und die Niederlande Mundarten ihrer Muttersprache zu besonderen Schriftsprachen erhoben haben. Aber man denke andererseits an die zahlreichen krassen Fälle, in denen die Sieger die Sprache der Besiegten, oder die Besiegten die Sprache der Sieger übernommen haben. Der Neger,: der auf Jamaika englisch spricht, ist kein Engländer. Wenn einst die Iberer in Spanien und die rumänischen Stämme, zwei rassenhaft ganz verschiedene Völker, die Sprache der Römer, ihrer Besieger, annahmen und in eigenen Mundarten fortentwickelten, so hat die heutige Verwandtschaft der spanischen und rumänischen Sprache keinen anthropologischen Wert. Heinrich Loewe hat 1902, nachdem der erste Aufsatz Kirchhoffs (von demnoch die Rede sein wird) erschienen war, im JÜDISCHEN STUDENT einen ausgezeichneten Artikel „Nation und Nationalität” geschrieben, in dem sich seine Beweisführung in den gleichen Bahnen wie bei Kirchhoff 1905 bewegt, ohne dass er zu so scharf umgrenzten Definitionen wie Kirchhoff gelangte, —- in dem er aber sehr wertvolles Material zusammengestellt hatdas sich als Ergänzung zum Kirchhoffschen Material verwerten lässt. Er führt für die Tatsache, dass die Sprache bei der Definition der Nation keine ausschlaggebende Rolle spielen kann, auch Beispiele aus dem gegenwärtigen Leben des jüdischen Volkes an. Die kaukasischen Bergjuden sprechen ein wahrscheinlich medisches Idiom, die Juden von Buchara ein persisches, sie sind deshalb ebenso wenig Meder oder Perser, als die Karner Griechen sind, weil sie in Jerusalem neugriechisch sprechen, oder als gar die yemenitischen Juden Spanier sind, weil sie in Palästina spagnolisch sprechen. Das Judendeutsch der östlichen Juden steht dem Hochdeutsch näher als das Friesische oder Mecklenburgische. Eine der bewusst nationalsten und ausgeprägtesten Nationen, die Armenier, sprechen die verschiedensten Sprachen, nur nicht ihr Armenisch; sie haben übrigens — nebenbei gesagt — auch keinen eigenen Staat und bilden an keiner Stelle, wo sie wohnen, eine Majorität. Kirchhoff erinnert an die Räther in der Schweiz, die nicht mehr räthisch, auch nicht mehr - wie in späteren Zeiten nach ihrer Unterwerfung durch die Römer — eine römische Mundart, sondern heute aus wirtschaftlichen Motiven fast nur noch deutsch sprechen. Die Angelsachsen erhielten zu ihrem deutschen Idiom einen französischen Einschlag durch die Normannen, die ihrerseits germanische Dänen waren. Die amerikanische und englische Nation, ebenso die dänische