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Jüdische Rundschau · 1906-02-09 · 4 (9.2.1906) · p. Seite 26

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
II.1906
Issue
4 (9.2.1906)
Date
1906-02-09
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 No. 4 LITERATURBLATT Die abnorme Lage der jüdischen Nation, die bei keinem anderen Volk ihresgleichen findet, erschwert die Begriffsbestimmung ausserordentlich. Genügt doch selbst die von Kirchhoff verlangte Neueinteilung in Staats- und Kulturnationen in diesem Falle keineswegs. Mit Rücksicht auf die Bedeutung dieser wenig geklärten Frage werdenwir uns nicht auf eine Wiedergabe und Beurteilung der Kirchhoffschen Terminologie beschränken, sondern versuchen, seine Anschauungen uns in unserem indischnationalen Sinne nutzbar zu machen. Der Begriff-p o p u l u s , Volk ist als der schwankendste nicht Gegenstand der Untersuchung. Den Begriff Nation historisch zu deuten oder ihn auf sein Stammwort nasci zurückzuführen, um den hauptsächlich physisch-anthropologischen Begriff dann in deduktiver Weise auf die heutigen Verhältnisse anzuwenden, — erscheint beides wenig zweckmässig. Denn die erstere Methode zeigte uns nur einen Wirrwarr von Auffassungen zu den verschiedensten Zeiten, die letztere würde unser lebendiges Empfinden zu wenig berücksichtigen und wäre ferner ebenso unzulässig, als wollte jemand die Diluvialschicht der Geologen von dem Begriff diluvium biblische Sintflut aus definieren. So wenig irgend eine heut lebende Rasse, und wäre sie noch so rassenrein, von einem besonderen Urahnenpaar abstammt, wie sich vielmehr überall durch Blutmischung Rassenindividualitäten herangebildet haben, die nun ihre Merkmale rassenmässig fortpflanzen, so ist die Nation keine durch Blutsverwandtschaft gesetzte Einheit, sondern auch ihre Merkmale stellen ein „erworbenes Erbgut” dar. Es haben sich Nationen, denen dieser Name ruf Grund ausgesprochener nationaler Merkmale durchaus zukommt, aus einer grossen Anzahl von Völkerbruchstücken gebildet, es sind Nationen in anderen mit und ohne Blutmischung aufgegangen, es haben sich Völker verschiedenster Herkunft oder Teile bereits bestehender Nationen zu gut charakterisierten neuen Nationen zusammengeschlossen, es hat sich eine Nation in zwei oder mehrere neue gespalten. Es sei kurz erinnert_an den im letzten Jahrzehnt sich mächtig entwickelnden nationalen Amerikanismus; an die Wenden, die durch Aenderung von Sitte und Sprache, jedoch ohnewesentliche Blutmischung in der deutschen Nation aufgenommen sind; an Frankreich, das sich an seinen Grenzen fortwährend neue Nationalfranzosen schafft; an die Avohlcharakterisierte Nation der Belgier, die aus der deutsch-vlämischen und der südlichen, der französisch-wallonischen Bevölkerung besteht; und vor allem an die Schweiz, ein Land mit eigenen: nationalen Idealen, das sich aus 4 verschiedenen völkischen Bestandteilen zusammensetzt. Es sei erinnert an die Abspaltung der Niederlande vom Reiche, eines Landes mit eigener Kultur und Geschichte, aber reiner „deutsch" als das deutsche Reich; an die Abspaltung Portugals, die nicht nach der Stimme des Blutes, sondern nach gegebenen geographischen Motiven erfolgte und zur Bildung einer eigenartigen kühnen Seefahrernation mit eigener Sprache und hervor-

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