Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 18 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 LITERATURBLATT No. 18 brechen. Und doch hörte Heinrich Heine hinter sich in der Loge eine Stimme: ״The poor man is wrongjßd“ Einen ganzen Akt volii lyrischer Fröhlichkeit hat Shakespeare aufbie^en müssen, um eine Tragik in diesem Lustspiel wett zu machen. — Ein Lustspiel durfte er es ja trotzdem nennen. Man!nennt ja auch heute in Russland die Lage ruhig, nachdem ein kaiserlicher Ukas durch ein lyrisches Adagio die Entsetzensschreie von Odessa und Kiew übertönt hat und die Börsenzeitungen ein volles Echo gegeben haben. Also — Shylock — lassen wir es beim Lustspiele. Als sie Deine Tochter stahlen,-׳ wie werden damals Shakiespeare’s Gründlinge gelacht haben. Denn wie sollte man damals Verständnis haben für die Tragik des Judentums? Dazu musste man erst in unsere Zeiten gelangen und Ueyermans kennen lernen, Heyermans, den Realisten, Heyermans, den Tendenzdichter und sein Drama ״Ghetto“. Das Ghetto hat man in der letzter: Zeit in verschiedenem Sinne bedichtet. Bald war es die Fessel, die wir siegreich gebrochen■, wir, d e starken Juden der Gegenwart, die alle Freiheiten haben, alle! Schrüt'ich garantiert sogar! Und wir stehen auf unserem Schein — wie Shyioc k. Man hat auch das Ghetto aus ■einer andern Farbe gemalt, mit Wehmut, weil1 es die letzte Heimat der Juden war. Keine gesicherte freiheuf־ denn es ging damals mitunter fast so schlimm zu wie — si licet parva componere magno — wie jetzt in Russland. Aber es war doch eine Heimat, ehe wir uns zerstreuten unter die Völker. Auch diesen sentimentalen Haue,* hat man über das Judenviertel gebreitet. Heyermans sieht das Ghetto als Gefängnis, dessen Mauern man entrinnen muss. Indessen — das Ghetto ist hier keine Ortsbezeichnung — es steht als Verkörperung des Judentums da. Aus dem Ghetf), ausdem Judentum«! heisst der Ruf. ״O, diese Enge hier, diese Enge! ■Ahe kommen wir da hinaus!‘ Das Problem der Assimilation, ״wie kommer: wir ״da“ huiaus?“ Das Schauspiel hat zwei verschiedene Schlüsse. Vom literarischen Standpunkte aus ist diese Tatsache bereits ein Urteil. Indessen uns inter- ■essiert ja hier mehr die Frage, wie sieht der Jude Heyermans im Lichte seiner Tendenz sein Volk? Wir haben zunächst die Handlung — oder sagen wir lieber den Inhalt des Stückes zu erzählen. Also: ein enger Trödelladen. Daneben noch ein enger Trödelladen und' dann wieder einer: Das Ghetto. In dem einen ein blinder, alter, schachernder Jude, und ein.Sohn, der — der — ja, was denn? Man erfährt nicht, was er will, weil er so viel spricht. Er will ■eine neue Moral bringen. Das ׳einzige aber, was er tut, ist, dass er drs christliche Diensdmädichen verführt, und als er sie nun heiraten will und auf Widerstand im Judenviertel stösst, die Enge des Judentums verspottet. Und nun zwei divergierende Schlüsse. In dem einen (Reklam), dem ieren, wird das Mädchen in den Tod getrieben durch die Lüge der Juden, dass Rafael säe verlassen habe. Der Herr selbst kommt dazu, als sie aus dem Wasser