Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 18 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/8295971-9045908-8207466--162-8189806- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu .,Jüdische Rundschau“ Jahrg. X. No. 47 O Herausgegeben von Dr. Heinrich £oewe!הד Redaktion: BERLIN N W. 52, Mclanchthonstrasse 4. No. 18. Berlin, 26. Cheschwan 5666 — 24. November 1005 Jahrg. 1. Die jüdische Woche Drüben in Russland flammt eine blutige Lohe. Die Scheiterhaufen des Mittelalters erblassen vor der feurigen Glut. Blutdürstige Raubtiere hetzen d!e todeswunden Opfer vor sich her, bis sie zusammenbrechen Das Blut von tausenden bedeckt die Erde und schreit, zum Himmel empot. Die Zuschauer aber stehen vor dem entsetzlichen Schauspiele, Furcht und Mitleid im Herzen!, und starren diese Entsetzensszenen an. Judentum heisst die Tragödie. Und1 wenn der Chor, der die Handlung lyrisch begleitet, erschüttert steht und fragt: ״Wozu diese Häufung von Schreckensbildern, diie unsere Phantasie׳ peinigen?“ — nun, es gibt auch innerlichere }Motive in der Tragödie Judentum, aber die versteht i'hi nicht. Ihr müsst ja Eener sehen und I.eichenhaufen|, wenn ihr an die Tragik glauben wollt. — — Auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten, haben wir in der vergangenen Woche die Juden gesehen, zweimal. Beides Werke eines jungen. Es kam Heyermans und es kam Shakespeare, der ewii!g junge. Und richtig! — Das Satyrspiel der Herrnfeld’schen Kellermuse auch noch. Eint Premiere (sprich: ä Primijähre): Famillientag im Hause Prellstein. Ein .Herr kommt drin vor, der tieisst Unterbett! Denken Sie ״Unterbett“! Der Humor ist doch noch nicht ausgestorbien. Es gibt doch noch Leute, die herzlich über sich selber lachen, sogar, während man drüben in Russland d׳e eigenen Brüder aufspiesst. Ein Lustspiel nennen wir ja auch den ״Kaufmann von Venedig“. Es ist nur merkwürdig, dass man so wenig lacht dabei. Das macht, hier hat ein Dichter — der Dichter hat hier den Juden gesehen und gezeigt. Und da scheint's, da kann man so recht nicht lachen. Warum? Ls;:st doch so lustig, wenn er in der Gerichts-Szene geprellt wird. Erst hat man ihm die Tochter genommen, dann den Schein und nun zuletzt doch noch auf durchaus rechtlichem Wege sein Vermögen, ״so ist’s verfügt in dem Gesetz Venedigs.“ Nun steht der gierige, rachsiicht’ge Jude draussen und ts ult über sein Unglück, und ״in einer Nacht wie diese, da lind die Luft die Bäume schweigend küsst und sie nicht rauschen liess“, und alles voll Glück und süsser, heimlicher Freude ist, Flöten locken und zärtliche Scherze wie Pfeile ip der südlichen, weichen Luift hinfliegen, büsst er allein sein Ver-