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Jüdische Rundschau · 1905-10-20 · 16 (20.10.1905) · p. Seite 123

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
16 (20.10.1905)
Date
1905-10-20
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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No. 16 LITERATURBLATT 123 Ha, glücklicher ist jeder Baum, Als Judas Volk; er hält Am Baden fest und macht sich Raum Empor zum Himmelszelt; Er grünt und wächst von Jahr zu Jahr Am Platz, wo er geboren war. Doch wandern mussten wir hinaus In manches andere Land, Wo keiner in dem Vaterhaus Die letzte Ruhe fand; Und aller Welt zum Hohn und Spott Ward unser Volk und unser Gott! * (Bryon: Die wilde Gazelle.) Und doch klingt durch, alle Klagen des tiefsten Mitleids mit dem gehetzten und verfolgten Judenvolke eiine schwache Hoffnung, dass es nicht immer leiden solle, und dass das alte Heimatland nicht immer verwaist bleiben solle: O sende einen Blitz aus dunkler Wolke, Jehovah Deinem unterdrückten Volke! Wie lange soll Dein Haus verödet sein? ־— Ach, schau’ von Deinem Himmel doch! herein! (Byron: An den Ufern des Jordans). Aber der Ton der Wehmut, den Byron anschlug, war der einzige mögliche. Während er für das eine der beiden klassischen Völker. die zur europäischen Gesittung in ihrer alten Volksgeschichte den Grund gelegt hatten» die Waffen zur Hand nahm, während er in ihren Reihen focht, um auf dem alten Grunde der Freiheit die neue Freiheit wiederherzustellen,!fand er für das andere dieser beiden Völker nur Töne des tiefsten; Mitleids. Aber diese Klagemelodien, untermischt mit den Krafttönen aus alter Heldenzeit, riefen die Stimmen wach, die bis dahin geschlummert batten und wie Aeolsharfen klang es in wunderbaren Tönen wieder, und wo Juden wohnten, die sich dem europäischen Kulturkreis anschlossen, fanden sie Widerhall. Kein geringerer als Heinrich Heine war es, der jüd'ischerseits die Zionslaute aufgriff und sie zum Liede stimmte. Der ungezogene Sohn der Musen, der sich taufen liess und immer ein eifervoller Nationaljude blieb, mehr als viele tausende, die ihm aus dieser Taufe den Strick drehen wollten, der sein Volk verriet und dennoch mehr wie jeder andere an ihm hing und die Verräter geisselte, wie ke!ih deutscher Jude, vor ihm oder nach ihm» er spottete zwar beinahe ebenso oft über die Juden, wie er sie nannte, und zerriss mit grimmiger Wut ihre Assimiila t io nshelden und A.ssimilationsuntugenden, aber er fand gelegentlich rührende Töne für den Jadenschmerz, die an psalmisti&che Grossartigkeit anklingen. In Anlehnung an Byron dichtete er seine hebräischen Melodien, in denen er

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