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Jüdische Rundschau · 1905-10-06 · 15 (6.10.1905) · p. Seite 115

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
15 (6.10.1905)
Date
1905-10-06
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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No. 15 LITERATURBLATT ]15 Ein jüdischer Schuhmacher also, so erzählt die Sage, namens Ahasverus, Carthaphilus oder Buttadeus, wohnte zur Le/denszeit Jesu Christi an dem Wege von Jerusalem nach Golgatha. Als nun Christus mit dem schwerem Kreuze auf der schmerzenden Schulter, von der Last gebeugt, müde und matt sich auf dör Schwelle vom Hause des Schusters ein wenig ausruhe;n wollte, und selbst die wilden, römischen Schergen von Mitleid mit dem Dulder ergriffen, ihm gern die kurze Ruhe vor der langen, bittern Qual gönnten, dia gab ihm der Jude einen Fusstritt, warf mit dem Leisten nach ihm, und stiess ihn mit höhnenden Worten von seinem elenden Ruhe- Plätzchen fort. Und der milde, liebende, sanfte Freund der Menschen, der soeben selbst schuldlos für die Errettung der sündhaften Menschheit den Todesmartern entgegenging, hat da zum ersten Male gestraft. ״Ich gieihe, sagte er, und du 'wirst mich wandernd erwarten, b's dass ich zurückkehre.“ Und als Christus gestorbeih, da;hält es den Schuhmacher nicht länger im Hause. Ohne Zweck und ohne Ziel, ohne Rast und ohne Ruh, wandert er und wallet er über Berg und Tal, über Meer und Land, durch den eiserstarrten Nord und in die Lande der feurigsten Sonnenglut. Nirgends findet er Ruhe. So ist er ein lebendiger Zeuge der Leiden Christi, den Gott ״zu merer veberzeigung der Gottlosen vnd V;n,gläubigen also e«- halten wolle“, wie das deutsche Volksbuch sagt,״) und Matthias Parisius4) hebt von Cartaphilus dieses mit den Worten hervor, ״qui adhuc vivit in argumentum fidei Christianae.“ Seine Schuhe, ein Meisterstück der Schuhmaeherkunst, hat er selbst angefertigt; sie sind unendlich gross, aus hundert Bietzen und Flicken zusammengesetzt, und nimmer zerreissend besitzen sie die Kraft, dass ihr Besitzer vom ewigen Wandern nicht lassen kann, noch Rast benötigt. In seiner Tasche hat er einen Groschen, der geht ihm nie aus. Mir wurde, als ich ein Kind war, von meinen niedersächsische.׳ Schulkameraden erzählt, dass sich Ahasverus anfangs über den Fluch, dass er ewig leben solle, über die Massen gefreut, und ihn vielmehr für eiinen Segen gehalten habe. Sein Groschen ging ihm nie aus, und wenn er ihn ausgab, so hatte er stets einen neuen in seiner Tasche. So lebte er lustig und guter Dinge, freute sich seines Lebens und verlachte Christus, der ihn so angenehm bestraft hatte. Und er wurde alt und älter, sah Jerusalems Untergang, und schliesslich waren alle, die zugleich mit ihm jung gewesen waren, zur ewigen Ruhe hmübergeschlummert. Da wurde es ihm langweilig auf Erden, herzlich langweilig, und die Langeweile bewirkte, dass er sich höchst unglücklich fühlte. ״Oho,“ dachte!er. ״zwar wird mich der Todesengel :nicht freiwillig holen, aber ich werde ihn rufen, dass er sicher kommen muss. Ich werde Christus einen Streich spielen, wie er ihn sicher nicht erwartet hat.“ — Er nahm ein tätliches Gift. Was geschah? E־ bekam Magenbeschwerden und1 lag tagelang in den heftigsten Qualen und Schmerzen, aber am Ende siegte seine durch Christi Fluch gefeite Natur über das Gift. Und den Tod begehrend nahm er als hochbetagter Greis ״) Aus dem Jahre 1564. (In dem Bautzener Abdruck vom Jahre 1602 auf der 5. Seite.) ל In se ner h'storia maior (sc. Anglica). ־

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