Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 15 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gezogen hat sich trotz seiner jüdischen Abstammung und Manieren selbst in den durchlauchtesten Adels- und Fürstenkreisen zeigen und frei bewegen darf. Seit Flamerling ist der Ewig e Jude wenigstens hoffähig geworden. Der Hauptgrund, jedoch, weshalb der Ewige Jude es wert ist. einmal wieder hervorgeholt zu werden, ist der Umstand, dass wir mit Erstaunen bemerken, wie bisher kein einziges Geschichtsbuch unseres Volkes die Sagen berücksichtigt, 'in denen es im Munde anderer Völker lebt. Und doch sind diiese mit das geeignetste Material zur Beurteilung des Verhältnisses zwischen Israel und seinen Wiirtsvölkern. Es sind dies Dokumente untrüglichster Art. weil sie als Herzensergüsse der Volksseele uns gestatten, psychologische Schlüsse über die Denk- und Gemütsart des Volkes zu ziehen, welches diiese Sagengebilde gestaltet hat. Zwar nicht der Ewige Jude, der z. B. in Naumburg sich reich beschenken liess, und der plötzlich, als von ihm das. Konsistorium nähere Aufschlüsse über Christus, und manche neutestamentliche Vorgänge erhalten wollte, am Tage vor seiner Vernehmung spurlos verschwunden war, nicht dieser, sagen wir, kann irgendwie unser Interesse fesseln — denn das ist nur die Einzelerscheinung eines Betrügers — sondern nur der wahre, wirklich existierende Wanderjude. Diieser aber existiert nur in der Idee, und׳ .eben deswegen ist er realer als jener. Dieser aber ist auch zugleich eine der wichtigsten Quellen für das Verhältnis der Juden zu den Bildnern und Erzählern jener Legende, indetm er uns einen tiefen Blick in das innerste Herz der letzteren gestattet. Auch die Volkssagen wollen einmal weniger gepriesen und eifriger gelesen, genauer vom historischen Standpunkte untersucht sein. Ignoti Monachi Cisterciensis Sanctae Mariae de Fierraria Chronica ab anno 781 ad annum 1228 — meldet unter dem, Jahre 1223 folgendes:1) ״Eodem anno quidam transeuntes per Ferrariam ex uitramon.tan's partibus retulerunt abbati et fratribus eiusdem loci, quod v/derant in Armenra quendam Judeum, qui fuerat in paxione Christi et iniurose pepulerat eum euntem ad paxionem dicens ei ״,Vade seductor ad recipiendum quod merenis.“ Cui fertur respondisse dominum ״Ego vado et tu me exspectabis donec revertar.“ Qui iudeus, sicut dicitur, per omnia centenaria annonum de sene iuvenescit in etatem XXX annorum nee potest mori, quousque Dominus veniat.’2) ב) In Gaudenzis Ausgabe S. 38. Monumenti Storici Serie prima, Cronaehe. Napoli 1888. (Herausgegeben von der Societä Napoletana di Storia Patria.) 2)״In demselben Jahre berichteten einige, welche aus den Ländern jenseits der Alpen durch Ferrara durchreisten, dem Abt und den Klosterbriidern, dass sie in Armenien einen Juden gesehen hätten, der zu Christi Lebenszeit gelebt und ihn, der seinem Kreuzestode entgegenging, mit hebeleidigenden Worten von der Schwelle vertrieben hatte, indem er ihm sagte״ .־Geh, Verführer, zu empfangen was du verdienst.“ Ihm soll der Herr geantwortet haben: ..Ich gehe und du wirst mich erwarten, bis ich zurückkehre.“ Dieser Jude aber, wie man sagt, wird alle Jahrhunderte von einem Greise wieder zu einem dreissigjährigen Jünglinge und kann rocht sterben, bis dass der Herr komme.“ Es ist dies der älteste Beleg für das Vorhandensein der Sage vom Ewigen Juden im Abendlande.