Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 15 (6.10.1905)
- Date
- 1905-10-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Literaturblatt der Jüdischen Rundschau Beilage zu ״Jüdische Rundschau“ Jahrg. X. No. 40 a Herausgegeben von Q Dr. *Jdnrich loewe. Redaktion: BERLIN N. W. 52, Melanchthonstrasse 4. No. 15. Berlin, den 7. Tischri 5666 — 6. Oktober 1905 Jahrg. 1. Der Ewige Jude 1Eine litterarische Skizze von Heinrich L 0 e w e. I. Das deutsche Volk, welches einen so grossen und unerschöpflichen Schatz von alten Sagen geschaffen Lat, dessen Heldenlieder von manchem Recken und mancher Liebesgeschichte gar sonderbare Mär’ zu melden wissen, hat auch in der modernen Zeit keineswegs seiner altüberlieferten Sagen vergessen, und indem es immer wieder mit Voller Hand in die uralte Truihe der Sagengebilde hineingreift, schafft es aus dem unerschöpflichen Borne heraus immer neue Gestalten, oder zieht seinen alten Lieblingen, ■— und es hat deren sehr viele, —^ immer neue Wunderkleider in den!mannigfaltigstem und buntesten Farben an. Das Volksepos, das grosse Heldenlied feiert den blutigen Drachen- und Menschentöter Siegfried, oder den gewaltigen Degen Dietrich von Bern und verherrlicht auch den seitsamien Weltenstürmer, den Heunenkönig Etzel. Aber neben der dahinbrausenden Gewalt der epischen Windsbraut blüht im bescheideneren Kre&e der ländlichen Familie eine unscheinbarere aber nicht minder duftende Blume, dlie bescheidene Schwester des Epos, das Volksmärchen, die Volkssage im engeren Sinne. Besonders in den niederdeutschen Gauen will diese Volkssage nimmer aussierben. und belebt sich stets aufs neue. Diese Sage weiss nichts oder doch nur sehr wenig von jenen Heldengestalten eines Sigurd, eines Thildrieck, e;nes Ati zu künden. Sie hat sich! entsprechend ihrem bescheideneren Lebens- und Wirkenskreise .gemäss, auch bescheidenere Gegenstände ihrer Darstellung erwählt. Neben dem Haus- und Feldkobold und dem obligaten Nickelkaten sind ihre Lieblingsgestalten, die sie hegt und hätschelt, der Teufel, der Wilde Jäger Wodie, der heilige Petrus und der Ewige Jude. Diese vier bilden sozusagen auch die geist'ge Aristokratie, die sich aus dem gemeinen Haufen der gewöhnlichen Alltagsgespenster erheben, und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, nur bei feierlicheren Gelegenheiten spuken. Alle vier, obschon sie; nicht für identisch gehalten werden, haben sehr viele gemeinsame Züge. Wir haben für diesmal den .,.Ewigen Juden“ an seinem langen Kaftan erwischt, als den charakteristischsten und interessantesten, der sogar, seitdem ihm Hamerling ein neues Gewand an-