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Jüdische Rundschau · 1905-09-29 · 14 (29.9.1905) · p. Seite 107

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
14 (29.9.1905)
Date
1905-09-29
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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No. 14 LITERATURBLATT 107 Nocli viel fremder war ihnen die schöpferische Kraft der Vo'ksseele, deren Schwingen sie nie gelauscht, ihr Judentum war mit der Zerstörung des Tempels abgeschlossen, und ragte als traurige Rune vergangene,• Pracht recht unpassend in die Nieubauten deutscher Kultur. Die anderen, denen man von Kindheit an das Judentum wie e-pi geistiges Gebrechen schamhaft verhüillte. und die erst durch die Rippenstösse rassei.- bewusster Mitschüler an ihr eigenes Volk erinnert wurden, klagten bitter über das Unrecht, dass sie als Juden Zurücksetzungen ausgesetzt seien, während ihnen dir Judentum gar nichts, was Kinder sonst freut und glücklich macht, gewährte, keine festlich geschmückten Tannenbäume keine sinnigen Weichuachtsgescheuka, keine Paimkatzeln zu Ostern und feierlichen Prozessionen zu f rohnleichnani. In der Schule war ihnen das Judentum ein Sammelsurium von komischen Hieroglyphen, die sie nicht lesen lernen w0111 teil, von Gebeten, die sie nie sprachen, von Gesetzen, über die der Vater lachte. Und die Geschichte, nicht frisch-fromm-fröhlich-frei, wie der Vortrag der Universalgeschichte, keine Römerzucht und Germanentreue, kein Cherusker, kein Scaevola. nein, eine naive Erzählung kindlicher Wundersagen und die wenigen Kriegsgeschichten ersticken unter dem Wust salb,adernder Moralidealanzapfungen, die ein vertrocknetes Männlein einmal in der Woche vom Stapel kess. Kurzum das Judentum war unmodern geworden, nicht mehr salonfäh'g im Hause, unfruchtbar 1,n der Schule, tot im Herzen der Knaben,- deren glühende Phantasie, nach Taten, lechzte. An der Wiege unserer Kinder wurden keine jüdischen Lieder gesungen, keine jüdischen Märchen wirkten auf ihr Kindergemüt. Die Schule drängte sie in andere Gesichtskreise, das Leben st,ess sie zurück. Das ist de grosse Tragik unserer Jugend, die sich selbst nicht kennt, und in sich selbst nicht Stab und Stütze findet. Unbewusst und doch stark und Geltung fordernd, lebt in ihnen die jüdische Seele, überwuchert vom, Unkraut!falscher Erziehung, überkrustet von einer jFisrinde gleiehgiltiger Lieblosigkeit. Aber in den tiefsten: gekeimen Regungen der Seele schwingt das jüdische Empfinden in harmonischer Akkorden, singt i!m Liede und prägt den Gedanken seinen Stempel auf. Diesen verborgenen Schatz in der Seele unserer Jugend zu heben und!11 klingend Gold zu münzen!, ist die Aufgabe der Monatsschrift UNSERE HOFENUNG. Moderne Bildung, freier Ausblick und krit scher Geist soll unserer Jugend gegeben werden, ohne dass sie dabei sich selbst veriheren soll. Das Judentum soll als lebendes Element, nicht als mumifizierter Hausrat unserer Jugend lieb und teuer sein. Teuer sein, weil sie es k e n neu. web sie die schöpferische Kraft jüdischen Geistes und den Schönheitswillen jüd,scher Psyche in den Werken unserer Künstler bewundern. Sitten und. Gebräuche des Volkes sollen sie achten Jemen, sollen rrv.t scharfem Blick Morsches vom Kernigen, Falsches vorn Echten unterscheiden. Sie sollen den. vollen Sonnenstrahl menschlicher Kultur durch das Spektrum ihrer jüdischen Individualität in bunte Farben bnechen. Eger. 15. September 1905. Hugo Zuckermann.

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