Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 14 (29.9.1905)
- Date
- 1905-09-29
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/8295971-9045908-8207455--127-8189775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
106 LITERATURBLATT No. 14 Mit Recht führt Bäck als das fundamentale Charakteristikum des Judentums die Ethik, die praktische• Ethik an. In dem religiösen׳ System, das er entwickelt, erörtert er sie eingehend als den ״ethischen Mon!othe!ismus”. Da erhebt sich die Frage, ob hier wirklich der JVinnnmeismus das Ursächliche ist. Der!Monotheismus ist ein Produkt des Nachdenkens, die Ethik geht vom Gefühls- und Triebleben aus; beides sind inkommensurable Grössen. Vom Monotheismus muss auch der Befangenste sehen, dass er sicih von Stufe: zu Stufe in der Reihe der biblischen Bücher hebt und lqutert; die ethische Grundstimmung aber geht von Anfang an durch das 1,gesamte Judentum hindurch. Sie ist das Fundament, auf dem die Reflexion ihre Babelstürme in den Himmel treibt. Und es scheint dass dieser wahre Zusammenhang der Dinge auch bei Bäck zuweilen hl!?״ durchleuchtet. Nur so ist sein Satz zu begreifen: ״Den Monotheismus hat die Einsicht in ׳die Unbedingtheit der sittlichen Forderung geschaffen, das sittliche;Bewusstsein belehrt über Gott.” Ob das zu trifft oder nicht, soviel steht fest, dass die Ethik im Judentum das Selbständige und Ursprüngiiehe ist. was trotz der verschiedensten religiösen! Voraussetzungen das gemeinsame Band bildet bei Jeremias und Jesus, bei Spinoza und Marx. Hier ist nicht der Ort. all diese kurz angedeuteten Thesen zu bew Hs ein. ,Es soll nur gezeigt werden, dass es nicht angeht, alle Erscheinungen der jüdischen Kultur im Schema der Religion unterzubringen. Die Kultur eines Volkes ist eben nicht eine einfache grade Linie oder eine geometrische Figur, sondern ein vielgestaltiges, kompliziertes Gebilde, in dem die Religion, die Kunst, die Etlhik nur einzelne Glieder sind. Was also ist das ״Wesen des Judentums”? Diese Frage ist weit schwerer zu beant- Worten, ,als Bäck und die ihm gleich Gesinnten glauben, so schwer!zu beantworten, wie die Frage nach dem . Wesen” des Deutschtums, des Franzosentums usw. Jedes klassische Volk freilich — und zu den klassischen gehört auch das jüdische — hat seine charakteristischen und besonders hJrvortretenden Züge. Im übrigen aber lautet die Antwort Homo sum. niihil' Lumani a me alienum puto. ״Wir ,sind Menschen, nichts Menschliches ist uns fremd.” Denn der klassische Nationalismus ist wahres Menschentum. Unsere Floffnung Die heranwach,sende Jugend schien in den westlichen Ländern der Diaspora für das Judentum verloren. Sie kannte ja ihr Judentum nicht als lebendes Volkstum, nicht als dien Kern ihres Wesens, und fasste nient, wie die arischen Mitschüler mit der ganzen Selbstverständlichkeit des Seins auf rat oraler Bas s. Diejenigen, die vom Hause eine ,.gute jüdische“ Erziehung hatten, kannten wenigstens die äusseren Formen, in die der Kult — einst ein Ausfluss normaler Lebeustätigkeit — erstarrt war, ohne der Form einen Inhalt geben zu körnen ohne die We׳:he des Sabbats, die Poesie des Purim die Tragödie des Tische be ab, die heitere Selbstvergessenheit des Purim in ihrer Seele mitzuempfinden.