Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 13 (15.9.1905)
- Date
- 1905-09-15
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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102 LITERATURBLATT No. 13;treieij sein. Jedenfalls wäre es tief bedauerlich, wenn man den grosszügigen Plan Philippsons verflachen oder versanden lassen wollte. Die vorliegende Broschüre ist zwar ein blutiger Spott, gibt aber .von dem Witz des!anonymen Autors beredtes Zeugnis. Wie die vorliegende Broschüre richtig bibliographisch aufzunehmen wäre (cf. Seitenzählung) dürfte manchem Bibliographen Kopfzerbrechen verursachen. E—m. Leo Berg: A u s d e r Z e i t — Gegen die Zeit. — Gesammelte ■Essays. Berlin - Leipzig - Paris: Hüpeden & Merzyn 1905. VII, 453 S. 8 °. Leo Berg ist kein Unbekannter. So wird es kaum anders sein, als dass die Verlagshandlung, die soeben seine gesammelten Essays von ihm, herai/sgeben lässt, auf ihre Rechnung kommen wird. Da sind aus den verschiedensten Zeiten Aufsätze gesammelt, •die zwar sehr unterschiedlichen Gebieten angehören, aber doch alle etwas sehr Gemeinsames haben, das ist das unverkennbare Gepräge aus der Bergschen Münze. Die beiden grössten Abschnitte gehören der Betrachtung von Künstlern der Feder und ihren Kunstprodukten an. wobei der erste sich konkreter an die Charaktere und Werbe hält, der zweite .,Literatur und Literaturmache“ ins Abstraktere geht. Uns hier interessiert im Besonderen nur ein Aufsatz aus der dritten Abteilung ״Fragen“ der ״Die Juden und das Juden- Problem“ behäufelt. Hier ist die schwächste Stelle 'des Buches. Denn der Autor Ihat׳ sich an einen Stoff gemacht, dem er nicht gewachsen ist. Er kennt offenbar nur Juden au׳s einem ganz beschränkten Territorium, zumal auch von diesen nur gewisse Gesellschafts- und Bildungsschichten. Die Geschichte des Judenvolkes, die in allererster Linie bekannt sein muss, wenn man die Juden und das Judenproblem behandeln will, scheint ihm vollends eine terra incognita zu sein. Und doch will uns, in der Kultur Zurückgebliebene, dünken, dass man die Gesetze der Geschichte nicht allein aus nicht vorhandenen ökonomischen Voraussetzungen ableiten sollte, sondern auch, aus den wirklichein Tatsachen. Doch darüber dürfen wir, dlie wir eben noch, auf dem veralteten Standpunkte stehen, dass die erste Voraussetzung■aller Geschichtstiheorie die wirklichen historischen Vorgänge sein müssten, nicht mit denen rechten, die zur ökonomischen Geschichtsauffassung fortgeschritten sind. Dabei ist Berg einer von denen, die nicht ohne einen scharfen Blick auch in die Seele der Juden, so weit sie ihn kennet!, hineingesehen haben, und da manches fanden, was sie eben deshalb finden mussten, we'il es erst einmal aus einer vielleicht ungewollten und unbewussten Selbstbctrachtung hervorgeht. Von hier aus kann man das Verständnis begreiflich finden, das Berg für den rassenerhaltenden Wert der indischen Familienbande hat. Es gibt eben so manchen, der an sich selbst füKit. wie sehr das Familienband gegein den eigenen Willen, ׳den Juden in seiner angestammten Nation, der er so gern den Rücken kehren möchte, zurückhält. Berg erkennt, dass die Judemfrage mehr eine Frage ist, mit der die Juden fertig werden müssen, als die andern Völker. Denn es ist ihr eigenes Problem und hat schon lange eben so sehr seine Ursache in den Juden selbst, wie in denen, sie es nie zur Ruhe kommen lassen. Aber darum kann Berg mit seiner Unkenntrhs von Juden und jüdischer Geschichte doch nicht die Grösse der zionisistischen Idee begreifen. Die ist ihm unfassbar. ״Dieser Traum“, so schreibt er, ,Ist wirklich nur eine schwächliche, impotente^Schnsucht, erzeugt vom Nationalismus moderner Völker, das Echo eines Erlebnisses in der Fremde, nicht der'Wille der Not. nicht geboren von der Notwendigkeit.“ Das ist recht Stilvoll ״ssagt Nur darf es niemanden darüber täuschen, dass Berg vom Zionismus nicht mehr weiss, als bisher liberale