Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 12 (8.9.1905)
- Date
- 1905-09-08
- Page
- Seite 94 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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94 No. 12 LITERATURBLATT alle neuartigen, genialen Gedankenschöpfungen verstanden wissen wil, fällt ja eben gerade das fort, was die Bibel als religiösen Codex vor allen Menschenwerken auszeichnen soll, dann ist sie nicht mehr autoritativ als Plato oder Nietzsche. Hier heisst es Farbe bekennen, die Grenze zwischen Glauben und Begreifen scharf herausarbeiten und in einem der beiden Lager seinen Platz nehmen. Seit der grosse theol'ogich-politiche Traktat 'S;p i n o’za’s geschrieben wurde, ist die Halbheit des Rationalismus gerichtet. Der Rationalismus kann nur zum Unglauben führen. Dasselbe gilt für den religiösen Gottesbegriff. Es darf nicht zugegeben werden, dass der jüdische Monotheismus, der Gedanke eines persönlichen Gottes als des wirkenden Herrschers der Welt, schlechthin eine Forderung der Logik ist. Was vielmehr auf diesem Wege aus dem Gottesbegriff wird, das hat für ewige Zeiten und unangreifbar derselbe S'p im-oza im ersten Teiji; seiner „Ethik“ liestgdlegt. In deim Bestreben aber, den Gott des historischen Judentums und der Bibel dem Jahrhundert der Naturwissenschaft nahezubringen, geht Bäck zu weit mit der Behauptung, dass der jüdische Gottesbegriff Spekulation und Dogma überflüssig mache. Das religionsphilososphische System, das er selbst in der Auseinandersetzung über Gott und Mensch, Naturgesetz und Vorsehung im Judentum gibt, ist der philosophischen Kritik nicht weniger ausgesetzt als irgend ein anderes. Nicht anders endlich ist es mit dem Unsterblichkeitsgedanken in der Bibel. Ein klares und festes Bekenntnis zu dieser oder jener Anschauung ist in jedem Fall erfreulicher als die Gewundenheit, mit der alle diese Lehren verklausuliert hei Bäck zum Vorschein kommen. Über die (schon vom Ref. in einem früheren Aufsatze vermerkte) Tatsache, dass das Alte Testament den Unsterblichkeitsgeidanken nicht lehrt, kommt man nicht hinweg mit dem bequemen Argument, dass dieses Stillschweigen ein beredter Protest sein soll gegen die Jenseitsvorstellungeni der heidnischen Völker. Eine Literatur, derdn Abfassung 1000 Jahre umspannt, wie diie Bibel, begnügt sich nicht mit einem solchen Protest. Wir versagen .es uns, in Einzelheiten gegen Inkonsequenzen und kleine Schwächen des iß ä c k sehen Buches zu polemisieren, zumal gerade in Einzelheiten vieles wahrhaft Schöne gesagt ist, und manche treffende Bemerkung auch den immer wieder fesselt, der in anderen Gedankenkreisen lebt. Dafür soll jetzt am Schluss zum Ausdruck gebracht werden, in welchem fundamentalen Punkte wir von der Anlage des ganzen Werkes abweichen, vo.ni der Anschauung über „Das Wesen des Judentums“, wie sie hier vorgetragen wird, und warum wir an dieser Stille, in einem Blatte, das nationale jüdische Gedanken vertritt, ausführlich diesen Gegenstand glaubten behandeln zu müssen. (Schluss folgt.)