Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 9 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rNo. 9 LITERATURBLATT 67 Seme Mutter starb an einer schweren Krankheit und seiin Vater ging ganz alllmählich. zu Grunde in der Leere seiner traurigen Einsamkeit. Jankel konnte sich nicht selber' die Erbschaft holen, so dass er nur sehrwenig davon bekam, und da ihm seine Geschäfte niemals Glück gebracht, sah er sich eines Tages arm, bettelarm. Und es waren seit damals acht Jahre der Entbehrung und des Mangels verstrichen. Sarah war ganz herabgekommen und er selbst war nur noch der Schatten eines Menschen; und dennoch lebten sie und wunderten sich selber, wie sie der Atem noch nicht verlassen. Und was hatte er in dieser ganzen Zeit des mörderischen Kampfes nicht getan, um die Seinigen ernähren zu können! — Jankel Reb Chaim Beer’s, dieses in Samt und Seide erzogene Kind, trug auf seinem Rücken Lasten von Hunderten Kilogramm, um den Seinen am Abend ein Brot nach Hause bringen zu können. In der Stadt hatte man schon längst vergessen, dass er Jankel Berkowitsch geheissen, und dass er einst ein grosser Kaufmann und Eigentümer gewesen. Jetzt kannte man ihn nur unter dem Namen ,",Jankel, der Lastträger“. Nun war er aber bereits so heruntergekommen, dass er keine Lasten mehr tragen konnte. Auch die Leute hatten Mitleid,, ihm etwas zu verdienen zu geben, denn wie hätten sie einen menschlichen Schatten unter schweren Lasten zusammenbrechen lassen sollen? Und Jankel mit den Seinigen gingen vor Mangel und Elend immer mehr zu Grunde. — „Ich bin hungrig, Mutter, ich bin so hungrig”, erscholl in Jankel’s Ohr das Geschrei Avrumole’s, seines 6jährigen Kindes, welches erwacht war. Surolle lief, um es einzuschiläfern, und Jankel begann seine Schritte in der kalten, feuchten und dunkeln Hütte zu vergrössern und zu beschleunigen. „Ich bin hungrig“. Auch er hatte Hunger, auch er hatte seit 2-4 Stunden nichts gegessen, und Surole! Jankel erhob die Augen und blieb starr: Surole lag über das Kind gebeugt und gab ihm ihre längst eingetrocknete Brust, um es mit dem Illusion, dass es esse, einzulullen. „Ich bin noch immer hungrig, Mutter, ich habe Schmerzen vor Hunger, ich bin so hungrig!“ Jankel lief eilig aus dem Zimmer und hörte nicht mehr den verzweifelten Schrei seiner Sarah, die ihm nachgellaufen und an der Schwelle ohnmächtig hingesunken war. Jankel weiss nicht mehr, was Schmerz bedeutet; er fühlt weder Mangel noch Hunger; er ist so glücklich! Im Gehäuse seiner Gedanken war die Saite der Vernunft gesprungen und seit damals lebt er in einer andern Welt, in der des ewigen Träumens. Man begegnet ihm an jeder Strassenecke und sein müdes Weinen zerreisst einem das Herz: „Ich bin noch immer hungrig, Mutter, ich habe Schmerzen vor Hunger, ich bin so hungrig!“ Und in seiner feuchten und kalten Hütte wiederholen oft vier müde Seelen im Chor denselben Refrain: „Wir sind hungrig, Mutter, wir sind so hungrig” ....... .'-vw