Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 9 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 No. 9 LITERATURBLATT diesem verhängnisvollen Augenblick wäre er glücklich gewesen, alles vergessen zu können, die Beherrschung seiner Gedanken zu verlieren, seine Nerven und sein Herz zu zerreissen, um nicht einmal mehr zu fühlen, dass er liebte. Wenn man nichts ausser Schmerzen hat, da erscheint die Abstumpfung des Gefühls so verheissend, fühlt man sich so glücklich, wenn der letzte Funke der, Vernunft schwindet, ist es so angenehm, dass die Gedanken ohne Zusammenhang bleiben und man verschwindet in andere Welten, wohin sich die Gedanken verirren. Jankel aber war dieses Glückes nicht teilhaftig, sein Geist war ihm treu geblieben und im Fluge der Gedanken durchlebte er in wenigen Augenblicken noch einmal die ganze Qual seines geplagten Lebens. Unter welch glücklichen Zeichen hatte er vor 15 Jahren geheiratet! Ein Sohn reicher Eltern, hatte er bis dahin keine andere Sorge gehabt, als zu studieren. Sein Kopf war voll von Talmud und anderen jüdischen Kenntnissen, welche für ihn zum. einzigen Lebensideal geworden waren. Seinen Eltern zu Liebe hatte er geheiratet, denn sie waren sehr besorgt,. dass; Jankel bereits 18 Jahre alt war und sie ihn noch nicht enter die Chuppah geführt. — Seine Kusine Surole war eine Waise und von Jankeis Eltern erzogen worden. Sie war die Gespielin seiner Jugend, und seine Eltern bestimmten sie ihm auch zur Gefährtin fürs Leben. Nur schwer hatte er sich entschlossen, zu heiraten, obgleich er Surole mehr als sein Augenlicht liebte. Als ob er es yorausahnte, er, dieses in reichen Salons erzogene Kind, dass er eines Tages in einer dunkeln und kalten Hütte ein geplagtes Leben führen werde. Und er heiratete SuroJej, das sanfte Mädchen mit dem guten Herzen, wie es ein Waisenkind gewöhnlich hat. Niemand wurde in der Stadt so sehr beneidet wie diese Kinder des Unglücks am Tage ihrer glücklichen: Hochzeit. Aber ihr Glück war von kurzer Dauer. Nach zwei Jahren musste Jankel, der Vater zweier goldblonden Engel, sein Geburtsland verlassen. Die Assentierungskommission aus Rischinew war in jenem Jahre von einer Strenge sondergleichen und allen Bemühungen seiner Eltern gelang es nicht,, ihn frei zu bekommen. Jankel wurde assentiert. Er hat sich nicht lange besonnen. Jankel Reb Chaim Beer’s konnte nicht dienen, und noch dazu im heiligen Lande der Knute. Und er reiste fort. In einer Winternacht überschritt er den erfrorenen Pruth und er wäre beinahe von einer am Ufer postierten Wache getötet worden. Er wurde gefangen; da er aber die Taschen voll Rubell hatte, erwirkte er bald seine Freilassung. Surole und die Kinder folgten ihm nach, und sie lebten glücklich und ruh g weiter, allerdings etwas schwerer, wie jeder von seinem Stamme lbsgerisisene Zweig.. Vom Hause wurde ihnen alles mögliche geschickt und hin und wieder kamen die Eltern, um sie zu umarmen. Er erlernte langsam die Sprache des Landes und verlegte sich auf Geschäfte. Das Glück hatte ihn aber verlassen vom Augenblick, wo er die Schwellle des väterlichen Hauses überschritten. Und auch zu Hause, wo es nach seiner Abreise öde ward, begann das Unglück sich ebenfalls einzunisten.