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Jüdische Rundschau · 1905-06-14 · 8 (14.6.1905) · p. Seite 62

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
8 (14.6.1905)
Date
1905-06-14
Page
Seite 62 (sequence 6)
Language
German
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62 LITERATURBLATT Nö. 8 Ui© Seufzer meiner Mutter würden mich erdrücken. — Soll ich heiraten, Das würde mir das Leben gewiss günstiger gestalten. Aber du weisst, wie ich Surkiollie geliebt habe. Ihr Vater wollte sie nicht einem Meschumed zur Frau geben, und sie ist jetzt Mutter dreier Kinder. „Würde ich eine Christin heiraten, so begreifst du selber, dass das bei meinem empfindlichen und jedes Willens baren Wesen nur eine Qual für mich wäre. Und wie war ich trotzdem für ein glückliches Familienleben fast geboren! Wie viel Pläne hatte ich nicht geschmiedet für die Zeit, da ich Vater sein würde! Sag’, welchen Zweck hat nun mein Leben? Ich unterstütze meine Familie. Aber nicht dazu wird jemand geboren. Mir fehlt gerade das, was zum Leben notwendig ist, deswegen ist mir das Leben leer und öde, und deshalb fühle ich mich unsäglich unglücklich. — Dich verfolge ich seit langer Zeit und beneide dich. Dein Leben ist ganz, und bei allen Unglücksfällen, die über dich gekommen, musstest du dennoch glücklich sein, denn du bist ein Mensch im vollen Sinne des Wortes. Sieh! Könnte ich ein schlechter Kerl sein, so würde ich allles ändern, ich könnte vielleicht recht glücklich werden, aber ich kann nicht schlecht sein, ebenso wenig wie ich leider ein Mensch bin. Und jetzt, seitdem für unsere Nation die rettende Idee erschienen ist, bin ich noch unglücklicher. Für einige1 Jahre des Lebens, die ich mir schöner ausgemallt hatte* habe ich das ganze- Leben verloren. Mich schaudert vor der Feigheit, die ich begangen,, das Leben, das ich führe, ekelt mich an. Zweitausend Jahre haben -sich so viel hunderte Generationen geplagt, warum habe ich nicht auch geduldet, warum habe ich nicht auch ausgehalten, um dann mit der Genugtuung zu sterben, dass ich ein Geschlecht hinter lasse* welches fortan das Leben eines geretteten Volkes führen wird? Ich gäbe das ganze Leben hin, könnte ich wenigstens einen Augenblick dieses Enthusiasmus durchleben, der in Euren Versammlungen herrscht. Du siehst mich sonderbar an, du scheinst mich nicht zu begreifen. Bei dem Leben, das du führst, ewig in vollem Handeln, in vollem Enthusias mus, mit einer Seele, die bei jedem Schritte von neuem sich entflammt, äst es beinahe nicht möglich,, die ganze Last zu fühlten, welche mein armes, ödes und freudloses Leben erdrückt. Am Tage, an dem ich von der Gründung unseres National-Fonds gelesen, bin ich vor Freude und vor Schmerzen beinahe verrückt geworden. Ich wollte wenigstens dabei für Eure herrliche Bewegung beitragen, aber auch hierbei musste ich im Schatten bleiben. Ich war gezwungen, mich unter einem anderen Namen zu verbergen.“ —■ Und mein Freund zog aus der Tasche eine Quittung über 10 Pfund Sterling, die er auf dem Namen seines Vaters für den Nationalfond geschickt hatte. „Ja, ich bin jso unglücklich“ und er trocknete sich eine Träne. — Der Arme! —

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