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Jüdische Rundschau · 1905-06-14 · 8 (14.6.1905) · p. Seite 61

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
8 (14.6.1905)
Date
1905-06-14
Page
Seite 61 (sequence 5)
Language
German
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No, 8 LITERATURBLATT 61 wohin da® Ideal dich hingetrieben, und ich glaube, dass niemand glücklicher ist, als du.“ „Du irrst, mein Freund, du wolltest wahrscheinlich sagen, dass niemand unglücklicher ist als dein Jugendfreund. Es ist eine traurige Geschichte: Komm am Abend zum Tee, wir wollen noch ein, zwei Stunden die Vergangenheit duchieben.“ Den ganzen Tag taugte ich zu nichts; ich brannte vor Neugier, jene sonderbare Geschichte des anscheinend so glücklichen Lebens meines unglücklichen Freunde® zu erfahren. Mein Freund erwartete mich mit der gleichen Ungeduld. Auch er hatte den Wunsch, zu beichten, sich sein geplagtes Herz etwas zu erleichtern. Als ich seine Schwelle betrat, umarmte er mich mit einer sollchen Liebe, als ob er sich in diesem Augenblick durch meine Freundschaft für das ganze leere Leben, welches er so lange gelebt, entschädigen wollte. In einem mit Luxus und allem modernen Komfort ausgestatteten Zimmer wurde uns Tee serviert, welcher in nichts dem. „Tee” glich, den wir uns vor 20 Jahren in unserer dunklen, kalten und nassen Mansarde aus Zimmt bereiteten. Mein Freund bediente mich selber und ohne jede Einleitung begann er seine Erzählung': „Du hast mich nicht wieder erkannt, und doch bin ich derselbe wie vor 20 Jahren. Nichts hat sich im meinem Wesen geändert, ausser einpr ganz kleinen Sache, — welche aber mein ganzes Unglück ausmacht. Den Namen habe ich mir geändert, zugleich aber damit da® ganze Leben.“ „Bist du etwa.“ „Ja, ich bim heute ein Renegat. Glaube, Familie, Volk — alles habe ich verlassen, um ein Leben,, das ich für so schön erachtet und welches sich bitterer zeigt, als es ein Mensch führen kann. Den Glauben habe ich nicht verlassen, denn du kennst meine Anschauungen in dieser Beziehung. Ich habe mich nur Formalitäten unterzogen, die in nichts meine Ansichten und Theorien geändert haben. Auch meine Familie habe ich nicht verlassen; ich bin auch heute mit derselben Liebe an sie gebunden wie früher; der Unterschied ist nur, dass sie mir bis nun eine schwere Last war, während ich sie jetzt mit grosser Leichtigkeit ertrage und in unbeschränktem Ueberfiuss erhallte. Aber ich habe mein Volk verlassen, — das drückt mich nieder und macht mir da® Leben bitter. Leben! Ich kann das nicht einmal Leben nennnen — diese leeren und öden Tage, die ich verbringe. Du kennst mich zu gut, du weisst, wie ich jeder Energie und jedes Willens bar bin, du weisst, wie ich geträumt hatte, auch einmal bessere Tage zu haben; stelle dir jetzt vor, wie unglücklich ich bin, solche reichen Tage ohne Genuss durchleben zu müssen. Zuhause fühle ich mich nicht wohl, ich bin einsam und die Seele ist mir öde. Unter Menschen wage ich nicht zu gehen, denn ich werde mit Misstrauen betrachtet, und gehe ich einmal unter sie, so fühle ich mich noch einsamer wie zuhause. Zu den Meinigen kann ich nicht gehen, denn

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