Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 7 (7.6.1905)
- Date
- 1905-06-07
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 7 LITERATURBLATT 51 ihn dagegen derjenige betrachten, dem es gelungen ist, den Schleier, der sich über dem tieferen Leben unseres Volkes ausbreitet, zu lüften und mit Staunen die reiche Vielgestaltigkeit zu erblicken, die sich unter ihm verbirgt. Ihm stellt die Begriffsverknüpfung, die in den Worten „Jüdische Arbeiter“ liegt, vor eine traurige Wirklichkeit, einen Jammer, der durch die Vereinigung von Prolletariernot mit dem spezifischen Judenelend potenziert wird; die andere, ,„Jüdisches Drama“,, führt ihn in den eben erschlossenen Garten eigengearteten jüdischen Kunstschaffens, in dem uns schon so viele schöne Blüten entzücken und tausend kaum sichtbare Keime eine noch weit reichere, höhere Entfaltung versprechen. Warum sollte dann nicht auch die Vereinigung' dieser beiden Welten, die Einführung der einen in die andere, als eiin natürliches Bündnis auftreten und eine wertvolle Befruchtung zu Tage fördern? Freilich, wenn wir von jüdischem Drama — ganz abgesehen von der Senderart des Arbeiterstückes — reden, so ist der Boden, den wir betreten, Neuland. Wir können nicht Schöpfungen, wie die von Hirschfeld, hierher rechnen, weil sie nicht aus bewusstem jüdischem Willen entstanden sind, sondern eigentlich mehr zufällig sich auch mit Juden abgeben, noch die dürftigen, fabrikmässigen Produkte der Jargonbühne dieser Bezeichnung überhaupt würdigen. Und die vereinzelten Versuche eines Schauspiels, die uns der Zionismus in seinem Gefolge gebracht hat, tragen doch zu sehr den Stempel der Tendenz auf der Stirn, als dass sie uns als ausgereifte Früchte auf dem Baume jüdischen Lebens und Erlebens erscheinen könnten. So tritt uns denn im „Eisik Scheftel“ eigentlich das erste dramatische Werk entgegen, das spontan aus dem Boden der jüdischen Welt errporgewachsen ist. Bedenken wir dazu, dass es erst recht - für die Sprache, in der es geschrieben wurde, die jüdische, ein Novum bedeutet, und obendrein das dramatische Erstlingswerk unseres Dichters darstellt, so ist Grund genug vorhanden, eine solche Erscheinung, die sich von vornherein als etwas Singuläres gibt, nicht blos mit den Augen schuBm^ssiger Aesthetik zu betrachten. Auch wäre es ungerecht, an unser Werk die gleichmässige kritische Sonde anzulegen, die wir, verwöhnt durch die so hoch getriebene Entwicklung zeitgenössischer Theaterdichtung, gegen die endlose Flut der in ihr auftauchenden Erscheinungen, die doch auf ganz anderen» ungleich günstigeren Vorbedingungen gegründet sind, mit Recht handhaben. Konnte sich zwar die lyrische Dichtung der jüdischen Sprache;n einem Morris Rosenfeld, auch nahezu ohne Vorgängerschaft, gleich zu einer ausserordentlichen Stufe der Reife erheben, so liegt es daran, dass ■— abgesehen von dem freilich überragenden Können dieses Dichters — gerade die Lyrik die voraussetzungsloseste alller Kunstformen ist; ein einfaches Volkslied kann auf derselben Höhe wie die vollendetste Schöpfung eines Meisters stehen. Mit der Dramatik verhält es sich gerade umgekehrt — sie hatte stets eine lange Entwicklung, allmähliches Ausreifen.,. Tradition notig, und welche Nationalliteratur wir auch heranziehen mögen, überall! sehen wir, dass der Blütezeit der Schauspieldichtung bereits eine lange Epoche des Entstehens und Wachsens vorausgegangen war. Es ist daher