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Jüdische Rundschau · 1905-06-23 · 6 (23.6.1905) · p. Seite 46

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
6 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 46 (sequence 6)
Language
German
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46 LITERATURBLATT No. 6 Ich wurde zehn Jahre alt und man schickte mich in die rumänische Schule. Ins Cheder kam ich nur noch morgens und abends auf ein, zwei Stunden und selten konnten wir da noch ein Wort wechseln. Auch er wünschte, sich in die Schule einsdhreiben zu lassen, um mit mir zusammen zu sein. Er konnte es sich aber nicht leisten und hätte er gewagt, von so etwas nur zu sprechen, so wäre er vom Rabbi sicherlich aus dem Hause gejagt worden. Er widmete sich später mit dem ganzen Streben, das in ihm fürs Lernen erwacht war, dem Studium der Bibel und des Talmud. Mit vierzehn Jahren beendigte ich 'die rumänische Volksschule und mein Freund löste zu jener Zeit in scharfsinnigster Weise die schwierigsten Stellen des Talmuds. Jetzt trennten wir uns gänzlich. Ich ging nach ausserhalb, um das Gymnasium zu besuchen, und als ich als Abiturient zurückkam, fand ich Srulikl als Familienvater zugleich mit Frau und drei Kindern mit dem Hunger kämpfend. „Es ist schwer,” sagte er zu mir, „wenn man sich vom verfluchten Hausieren ernähren soll, noch dazu im Geheimen, und dabei aufi Schritt und Tritt von einem andern Polizeimann beleidigt und verfolgt wird. Ich selbst habe niemals gut gelebt und habe mich von frühester Jugend ans Elend gewöhnt; wenn ich aber mit leeren Händen nach Hause komme und die Kinder weinen vor Hunger und Kälte, das zerreisst mir wahrhaftig das Herz.” „Sie” — „mein Freund” wagte er nicht mehr zu sagen —■ „wissen besser, wie es in der Welt zugeht; wiie denken Sie, wird für uns noch einmal die Sonne aufgehen?” — Was hätte ich ihm antworten sollen? Fühlte ich nicht mehr als er den demütigenden und; todesäihnlichen Zustand, in dem wir uns seit so vielen Jahrhunderten bitter herumwälzen,” — Ich reise wieder fort, um dein Vaterlande meinen Dienst pflichtgetreu zu leisten, während mein Freund sein trübseliges Gewerbe mühsam fortsetzte. Eines Tages erhielt ich von ihm einen Brief, in dem er von mir Abschied nahm. „Hören Sie, was mich veranlasst hat, <in die weite Welt zu gehen. Ich kam nach Hause von einem Jahrmarkt, wo. ich ganz gute Geschäfte gemacht habe. Ich hatte fast siebzig Franken verdient. Ich überschritt die Strasse mit einem Packen Flanell. „Halt, JudM Was hast du da?” wurde ich plötzlich hart angefahren. Ich wendete mich erschrocken um Ufnd wurde vom Herrn Wachmann kräftig angepackt. „So, Jiud’, du treibst Hausierhandel? Komm’ aufs Revier.” Dort wurde ich bis auf die Haut untersucht. Man nahm mir 68 Franken und die Ware ab. Der Herr Kommissär zog sich auf der Stelle ein Flanell an und wollte sogar mit meiner Ware Handel treiben, in dem er den Schutzleuten die Flanelle zu 50 Bani das Stück anbot. Den ganzen Tag blieb ich im Arrest und am Abend hat man mich bis aufs Blut

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