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Jüdische Rundschau · 1905-06-23 · 6 (23.6.1905) · p. Seite 45

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
6 (23.6.1905)
Date
1905-06-23
Page
Seite 45 (sequence 5)
Language
German
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No. 6 LITERATURBLATT 45 liehe Fall eintraf, dass er im Beth -Hamidrasch keinen Oreach fand, dann bat ich ihn, Srulikl zu Tisch zu nehmen. Es hätte genügt, dass ich mich ein einziges Mal mit ihm auf der Strasse zeigte, um Srulikl unmöglich zu machen, an einem Samstag ruhig und etwas besser an einem menschlichen Tisch zu essen. Das verstand auch, Srulikl und er begnügte sich, mein Freund im Cheder zu bleiben. Und die Chederköllegen beneideten mich um die Freundschaft, denn Srulikl war stark und etwas älter, er war der Schiedsrichter und Meister aller unserer Spiele; wer wagte dann noch, mich zu berühren! Hinzu kam noch, dass er für mich alle Knöpfe von den anderen gewann und ebenfalls für mich im Sommer die meisten Aprikosen- und Pfirsichkörner hatte, (he wir dann alljährlich sammelten, um sie in der Apotheke zu verkaufen, die ich aber natürlich niemals verkauft habe. Aber Srulikl hatte in unseren Augen noch eine andere gute Eigenschaft, die alle anderen übertraf. Im Sommer, sobald die Früchte reif waren, ging er in die Auen, die sich um den Fluss Bahlin herumziehen, und kam stets mit den Taschen und dem Busen voller Früchte zurück, welche er dann bei uns gegen ein Stück Brot oder sonst etwas zu essen eintauschte, die man uns afls „Unbassen““) oder „Mittigs“ brachte. Selbstverständlich hatte ich an seinen Reichtiimern den grössten Teil, denn ich teilte mit ihm. brüderlich das Essen, auch wenn er keine Gegenleistung. für mich hatte, so im Winter, wenn er fast Hungers starb. Unsere Freundschaft hat lange gedauert. Aber von einem Zeitpunkt an fühlte ich, dass sich neue Schranken zwischen uns errichteten: Ich machte im Studium der Bibel Fortschritte, hatte bereits die Kommentare des Raschii durchgemacht und Srulikl kannte noch nicht einmal das Aleph-Beth. Das schmerzte mich gar sehr und ich legte es ihm oft ans Herz. Eines Tages, als ich ihm wieder von seiner Unkenntnis sprach, senkte mein Freund den Kopf und wurde mit einem Male sehr schweigsam. Er verlor gänzlich seine rohe Lustigkeit und nahm an keinem unserer Spiele mehr teil. Am, Abend ging er zum Rabbi und bat, auch ihn unter uns aufzunehmen. Der alte Lehrer wunderte sich über diese Umwandlung Srulikls, versprach aber, auch aus ihm einen Menschen zu machen. Nach Verlauf von nur drei Monaten erklärte mein Freund den Raschi. besser als jeder von unserer „C h i t a“5 6). Der Rabbi (Melameä) nahm ihn zu sich ins Haus, damit er neben den Seinen vor Hunger sterbe, ^— denn schon damals starb ein Lehrer des Hebräischen mindestens dreimal täglich vor Hunger. Dafür leistete Srulikl verschiedene kleine Dienste im Hause und im Cheder. Und er hatte genug zu tun, mein Freund, besonders im Sommer, wenn das Cheder in einer Art Scheune oder Stall abgehalten wurde, wo Srulikl wenigstens 4—5mal täglich ausfegen musste. So oft er aber unbeschäftigt war, war Srulikl unzertrennlich von mir. 5) Mittagbrot. 6) Eine Grurpe im Cheder, die denselben Stoff lernt.

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