Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 6 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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44 LITERATURBLATT No. 6 Srulikl Pui Aus dem Zyklus „S b u cd u m“ (Qualen) von Horia C a r p. (Aus dem Rumänischen übersetzt von Janeu Grünberg). (Nachdruck verboten). Es ist lange, sehr lange seit damals, und ich muss in Gedanken weit zurückgreifen in die bereits vergessene Vergangenheit meiner Kindheit, um meinen unglücklichen Jugendgenossen Srulikl Pui wiederzufinden. Es gibt aber Dinge, welche die Welt trotz ihrer Endlosigkeit und Ewigkeit nicht verwischen kann und die Spuren, welche die paar in Srulikl Pui’s Gesellschaft verbrachten Jahre in meiner Vergangenheit zurückgelassen haben, waren zu tief, als dass der Staub der Zeit sie gänzlich hätte verdecken können. Wir waren Kollegen vom Cheder1) her, eigentlich nicht gerade Kollegen, denn Srulikl besuchte nicht das Cheder. Er war eine vollständige Waise und hatte keinen, der für ihn zahlen sollte; aber er lungerte den ganzen Tag beim Cheder herum. Im Winter schlief er bei einer Tante, einer bösen Alten, welche ihn furchtbar schlug, und im Sommer verbrachte er die Nächte unter dem Gewölbe irgend eines Geschäftes, wie man sie noch heute in manchen Städten der Moldau zu sehen bekommt. Mit Srulikl freundete ich mich an, ohne es zu merken. Obwohl er einige Jahre älter als ich war und zwischen uns das grosse Hindernis der Geburt bestand — Srulikl war von sehr obskurer Abstammung ■— wurde die Freundschaft zwischen uns doch eine immer engere und gar manchmal weinte ich, wenn ich vom Cheder nach Hause gehen und mich von ihm trennen musste. — Ich habe vergessen, euch eine Sache mitzuteilen: Mit Srulikl war ich nur im Cheder befreundet; ihn nach Hause mitzunehmen, hätte ich nicht gewagt und mir auch nicht erlaubt, mich mit ihm auf der Strasse sehen zu lassen. Er war doch Srulikl Pui, und wie hätte ich meinen Eltern eine solche Schande ahtun können! Im Cheder ging es noch, denn dort waren wir alle untereinander gleich; nur der Kantschi kl2) machte noch irgend welchen Unterschied zwischen uns, indem wir Kinder ärmerer Eltern ihn öfter zu spüren bekamen. Auf der Strasse aber kannten wir uns beinahe nicht, wir, die wir eine Stunde zuvor ohne Unterschied einer vom andern etwas vom „Waremes“3) verlangten, das man uns vom Hause gebracht. Srulikl fühlte sehr wohl den Abstand, der uns trennte, und nicht nur einmal weinte er, wenn er mich an Samstagen auf der Strasse spazieren oder mit den anderen Chederkameraden spielen sah und sich uns nicht nähern durfte. Ich hätte vielleicht gewagt, den Vorwürfen von zu Hause zu trotzen, nur eines hielt mich davor zurück. Mein armer Vater, gesegnet sei sein Andenken, pflegte jeden Sabbath einen O r e a c h4) zu Tisch zu bringen und wenn der für mich glück- 1) Jüdische Volksschule. 2) Kantschuh, Riemenpeitsche. 3) (Warmes) Vesperbrot. 4) Gast.