Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 5 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. S LITERATURBLATT 37 J. H. Weiss Der Nestor jüdischer Wissenschaft, der berühmte Autor der „Geschichte der jüdischen Tradition“, J. H. Weiss ist am 30, Mai 1905, 91 'ahre alt, verschieden. Kein Geringerer als Oberrabbiner Dr. Güdemann hat die Bedeutung des Heimgegangenen für die jüdische Wissenschaft in der ÖSTER¬ REICHISCHEN WOCHENSCHRIFT in folgender Art gekennzeichnet: „J. H. Weiss ist kein „zünftiger“ Gelehrter, d. h. er hat weder von Jugend auf die herkömmliche Bildungslaufbahn eingeschlagen, noch hat er ein Gelehrter werden wollen. Aber er ist einer geworden, und zwar einer der fruchtbarsten und angesehensten, den die jüdische Gemeinschaft immer mit Stolz einen der ihrigen wird nennen können, dessen Schriften in wiederholten Auflagen weite Verbreitung gefunden haben, in denen auch namhafte christliche Theologen Belehrung, suchen und finden. Die Art und Weise, wie J. H. Weiss sozusagen aus sich selbst ein Gelehrter und Schriftsteller geworden ist, wirft ein Streiflicht auf die Geschichte der jüdischen Wissenschaft, und wie bedeutende Männer nicht bloss durch ihre Individualität, sondern aujch dadurch interessant sind, dass sie den ganzen Horizont ihrer Zeit beleuchten und aufhellen, so ist auch das bescheidene und fruchtbare Gelehrtenleben, demdiese Zeilen gelten, geeignet, uns einen Einblick zu gewähren in das mühsame Ringen, unter welchem und aus welchem die jüdische Wissenschaft, wie sie heute ebenbürtig in der Universitas literarum dasteht und in verschiedenen Gelehrtenschulen gepflegt wird, sich herausgebildet hat. „Der Mangel jeglicher Schulung und Disziplin, welchen die meisten Arbeiten der deutschen und polnischen Gelehrten des Mittelalters aufweisen und der sie mitunter ungeniessbar macht, ist eine der bet'rübendsten Erscheinungen der jüdischen Literaturgeschichte. Er ist ein Reflex der Unordnung und Verwirrung, welche seit dem „schwarzen Tode“ in den Gemeinden, in dem Schulwesen und der Verwaltung platzgegriffen hatten. Den jüdischen Gelehrten Italiens, weiche mit überraschender Geschmeiidigkeit auf den Humanismus und seine Tendenzen eingegangen waren, ge-, reichte die Ungelenkigkeit der deutschen und polnischen Gelehrten, ihre Unfähigkeit in Ausdruck und Konzeption, zu stetem Spotte. „Indessen hat dieser Mangel auch die merkwürdige Erscheinung hiervorgerufen, dass der eine oderandere Gelehrte dadurch zu umso grösserer Selbstzucht angehalten wurde und sozusagen aus sich selber Norm und Regel wissenschaftlicher Konzeption und Darstellung entdeckte, indem er inmitten der allgemeinen Hilflosigkeit sich auf eigene Faust zu helfen suchte, wie etwa bei der durch einen Schiffbruch herbeigeführten Verwirrung und Ratlosigkeit und unter dem Drucke derselben, selbst der Träge und Unbeholfene zur Energie der Selbsthilfe angespornt wird. Eines der merkwürdigsten Beispiele dieser, ich möchte sagen, wissenschaftlichen Selbsthilfe bietet der Kritiker R. Samuel Edels (Maharscha). Wer hat ihn seine kritische Findigkeit und Treffsicherheit und vor allem die Knappheit, Klarheit und Präzision des Ausdruckes gelehrt? Es gab keinen vor ihm,, von dem er hätte lernen können, noch hat nochmals einer ihn in dieser Art erreicht, er ist sein eigener Bahnbrecher und Pfadfinder. Seine „Kätzel“ (Abkürzung für: Ken zarich lihejot) werden immer ein glänzendes Zeugnis kritischen Scharfsinnes bilden, und es verlohnt sich, darüber nachzudenken, zu welcher allgemeinen Berühmtheit dieser Mann wohl gelangt wäre, wenn er seinen Scharfsinn nicht auf den Talmud, sondern auf die Literatur des griechischen und römischen Altertums verwendet haben würde. „J. H. Weiss ist ebenso aus sich selbst ein Geschichtsschreiber der jüdischen Tradition geworden. Allerdings hatte er bedeutende Vorgänger, Zunz, Rapoport, Jost, Grätz, aber er hat doch seinen eigenen Weg eingeschlagen, und die Einteilung, Anordnung und Darstellung seiner Geschichte