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Jüdische Rundschau · 1905-06-09 · 5 (9.6.1905) · p. Seite 34

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
5 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
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34 LITER ATU RBL ATT_ No. 5 v.g, und jeder Versuch, 'diese Ideen in das klassische Judentum zu verlegen, ist eine unbewusste Verbeugung vor der Übermacht des Christentums. Die „zukünftige Welt“ ist ursprünglich das Gottesreich auf Erden, die messiianische Zeit. Dafür spricht unwiderleglich noch der Sprachgebrauch der Pessach-Haggadah, der sie in Gegensatz zu „dieser Welt“ stellt. Der „Olam habbah“ ist nicht das Jenseits des Einzelnen, sondern das Diesseits der Zukunft.*) Erst der nationale Verfall entzog dieser zukünftigen Welt buchstäblich den Boden unter den Füssen und bewirkte ihre Übersetzung ins Spiritualistische. Es ist' derselbe Prozess, der mit Jochanan ben Sakkai — einem Zeitgenossen Jesu! — in der ganze Lehre des Judentums Einzug hielt. — Dass Talmud und Evangelien hierin bis in weite Einzelheiten übereinstimmen, erscheint mir als einer der stärksten Beweise für die jüdische Abkunft christlicher Grundlehren. Jesus hat die Idee des „Gottesreiches“ im christlichen Sinne nicht geschaffen, aber sein Genie eilte der Entwickelung x raus, und das ist ein Grund mehr, warum sein Messianismus nicht anerkannt werden koun.e Das Zweite, was Jesus’ Lehre nach Eschelbacher's Darstellung seinem Volke unannehmbar machte, war das Verhältnis, in das sich Jesus zur Gottheit setzte, und das später die wunderliche Lehre des Gottmenschentums Jesu zur Folge hatte. Auch hier aber lässt sich zeigen, dass die ursprüngliche Lehre von Gott als „Vater“ durchaus im jüdischen Geiste der damaligen Zeit lag. Weiter sucht Eschelbacher nun die jüdischen Wurzeln der christlichen Lehren, welche Harnack nach Streichung alles Unbequemen als das Wesen des Christentums hinstellt, auf; und es verlohnte sich wohl, hier einmal eine sachgemässe Zusammenstellung des Materials vorzunehmen. Vor allem aber war es an der Zeit, das Bild, das i:m Anschluss an diie gehässige Darstellung der Evangelien noch Sudermann in seinem „Johannes“ und Wilde iin der „Salome“ vom Judentum zur Zeit Jesu entworfen haben, als das zu enthüllen, was es wirklich ist: eine Karrikatur. Wir haben vielmehr, wie Eschelbacher treffend ausführt, im Juidenvolke dieser Zeit ein emsig wirkendes,, kulturkräftiges und kiultjüreh^ Werte schaffendes Volk zu sehen. Die Darstellung der ersten Entwickelung des Christentums, die Eschelbacher der Anordnung Harnack’s folgend im zweiten Teil seiner Arbeit bietet, erscheint mir als der vortrefflichste Teil seiner Schrift. Freilich ist dies Kapitel der Geschichte auch ein Boden, aus dem noch viel Frucht zu ziehen ist. Wollte man bei dem Stande der heutigen christlichen Wissenschaft den Mann namhaft machen, dier als der kompetenteste Schilderer 'der urchristlichen Epoche bis etwa zum Konzil von Nicäa zu gelten hätte, man müsste H a r n a c k nennen. Und nun hat Harnack eine, solche zusammenfassende Schilderung in feinem „Wesen des Christentums“ ge- *) Vergl. auch Moses Hess: „Rom und Jerusalem“.

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