Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 4 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 4 LITERATURBLATT 31 verspricht, was er nicht hält und auch nicht halten will. Nämlich eine programmatische Darlegung des jüdischen, d. h. zionistischen Zukunftsplanes. Vielmehr ist es lediglich derjenige Teil unseres Programmes, der nunmehr, wenn nicht alles täuscht, endlich, in die Stelle einrücken soll, die ihm bisher vorenthalten wurde. Wenn das nun geschieht, so ist dem Verfasser dieser Broschüre sein Verdienst daran nicht albzusprechen, und er ist wohl auch berufen, uns nun seine Ansichten über die Ausgestaltung der Tätigkeit nach dieser Richtung darzulegen. Spricht man — was Rezensent seinerseits durchaus kann — sein prinzipielles Einverständnis mit dem Wollen und den Zielen Ussischkins aus, so wird es in einer kurzen Besprechung fruchtbarer sein, auf Differenzpunkte hinzuweisen. Dabei gehen wir von vornherein von der Ansicht aus, dÖ.ss der Verfasser über die Wichtigkeit der von ihm garnicht behandelten oder nur kurz gestreiften Themata, z. B. nationale Erziehung, kulturelle Hebung, reinpolitische und organisatorisch-agitatorische Arbeit, sich ebenfalls von vornherein klar war und sie nur aus bestimmten Gründen, weil ihre Hervorkehrung ihm im gegenwärtigen Momente weniger wichtig erschien, von der Erörterung ausschied. In drei nicht unwichtigen Punkten müssen wir eine von der des Verfassers abweichende Ansicht zur Geltung bringen Da ist zuerst der Plan Ussischkins, eine Art Dienstpflicht für die jüdische Jugend des Auslandes in Palästina einzurichten. Wir halten diesen Plan für eine Utopie mit fast allen Merkmalen einer solchen. Er kommt, selbst worm er ..sonst angängig wäre, um einige Jahrzehnte, vielleicht um ein Jahrhundert zu früh. Und sodann hat er einen realen Idealismus zur Voraussetzung, der den ideellen Absichten seines Urhebers viel Ehre macht, aber leider kaum bei einer nennenswerten Anzahl der jüdischen Jünglinge angetroffen werden dürfte. Schliesslich aber, und vor allem dieses, glauben wir überhaupt nicht an eine praktische Durchführbarkeit des Planes in Palästina selber und noch weniger an seine praktische Nützlichkeit, was das ausschlaggebendste Argument wäre. Diese Jünglinge würden, soweit sie überhaupt die drei Jahre, die der Verfasser in Aussicht nimmt, durchhalten würden, mindestens diese ganze Zeit zu ihrer Ausbildung und Gewöhnung an so ganz andersartige Verhältnisse brauchen, so dass sie nur Arbeit anderer verursachten, nicht aber selbst solche leiislten würden. — Eine politische Mangelhaftigkeit — die zweite Ausstellung, die wir zu machen hätten — sehen wir in dem Ausschluss der Nachbarländer Palästinas, die ja jetzt sogar von einer' offiziellen zionistischen Landes-Organisation als zum Programm oder wenigstens zu den Mitteln für seine Realisierung gehörig bezeichnet worden sind. Wir glauben, dass gerade die Nachbarländer Palästinas eines der allerwertvollsten Mittel zur Verwirklichung dier zionistischen Idee sind. — Endlich sind wir nicht einverstanden mit der Hineinziehung der ICA in zionistische Pläne, ganz abgesehen von der Tatsache, dass deren Gelder uns für absehbare Zeiten nicht zur Verfügung stehen werden. Diese Summen werden vorläufig in direkt antizionistischer Weise verwendet, und wir mögen agitieren, soviel nur angeht, um die Verwaltung der ICA auf andere Bahnen zu drängen: ein faktisches Recht an dieses Geld haben wir nicht und sollen daher als Realpolitiker es ausserhalb unserer Rechnung lassen. — Fassen wir unsere Einwendungen zusammen, so glauben wir ihre gemeinsame Grundlage in dem grossen schönen Idealismus Ussischkins zu finden, der ihn, den klugen Praktiker, manchmal in politicis unreal werden lässt. Gleichwohl aber wünschen wir dem Zionismus viele Männer mit solcher Sachkenntnis und so edelem tiefehrlichem Gefühl für unsere Sache. Wir können nur wünschen, dass jeder unserer Leser sich persönlich überzeuge, dass alle Einwände, die man machen mag, dem Wert dieser kleinen Schrift keinen Abbruch tun können — soviel Richtiges bleibt immer noch. ib.