Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 4 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 LITERATURBLATT No. 4 Wesen des Christentums“ dargelegt. Aber für den Juden ist auch dieses Buch wieder eine bittere und lehrreiche Enttäuschung. Es zeigt, dass umfassendes Wissen nicht vor Einseitigkeit, jahrzehntelanges Forschen nicht vor ungerechter Beurteilung der Geschichte schützt. Was tut die jüdische Wissenschaft bei diesen Angriffen eines Delitzsch oder IHarnack, die vielleicht mehr als rohe und masslose Schmähungen die. Gleichachtung der Juden auch in den Kreisen untergräbt, die nicht gradezu judenfeindlich sind? Ja, die jüdische Wissenschaft! Wie die „Wissenschaft" vom Judentum in den Händen der christlichen Theologen eine Apologie des Christentums, so waren die Entgegnungen jüdischer Rabbiner zumeist wiederum Apologieen, die dem Dogma das Dogma, der Herabsetzung die Verhimmlung entgegenstellten. Eine Apologie aber verfehlt grade ihren Zweck, die Verteidigung, so gut wie immer. Umso erfreulicher ist es, wenn man unter den zahlreichen jüdischen Entgegnungen auf Harnacks Schrift einer begegnet, die mit dem Rüstzeug der Wissenschaft arbeitet, und indem sie die Tatsachen und nur die Tatsachen sprechen lässt, weit nachdrücklicher als durch Deklamationen die Angriffe ab wehrt. T. Eine solche Schrift ist die vorliegende von Dr. Joseph Eschelbach e r*). Der Titel: „Das Judentum und das Wesen des Christentums“ 'zeigt schon, worauf es dem Verfasser vor allem ankormut, nämlich den Anteil aufzuzeigen, den das Judentum an der Entstehung des Christentums und an der Entwickelung seiner Lehren hat. Diese Methodik der Darstellung war schon durch die Anlehnung an die Schrift Harnacks geboten. Denn der Theologe Harnaek hat ein Verfahren angewandt, das dem Historiker Harnack keine Ehre macht. Während es sonst die anerkannte Aufgabe der Geschichtsforschung ist, eine weltgeschichtliche Begebenheit, eine grosse Persönlichkeit aus ihrer Zeit und deren Kräften und Stoffen zu verstehen, ist Jesus für Harnack ein erratischer Block, der sich nach Judäa verirrt hat, ein Komet, der plötzlich und rätselhaft auftaucht. Hier setzt Eschelbacher mit Nachdruck ein. Rabbiner und Historiker tauschen die Rollen. Dem Historiker, der den Kometen Jesus nur als überirdisches Phänomen fassen kann, rechnet der Rabbiner die Bahnelemente dies Kometen vor. Er zeigt, woher er kam und wohin er ging. Er kennzeichnet den Juden Jesus als Menschen seiner Zeit und als Kindl seiner Ahnen. Freilich hatte auch, Harnack nicht jeden Zusammenhang Jesu mit seiner Zeit geleugnet. Aber er benutzte ihn nur dann als Argument, wenn es galt, einen Flecken von seiner Person oder seiner Lehre fortzuwischen. Eschelbacher aber zeigt in schön gegliederter,, vortrefflich zusammengestellter Begründung, dass Jesus nur das letzte Glied einer langen Reihe ist, die mit iMoses, den Propheten und Psalmdichtern beginnt und über Simon den Gerechten und Hillel lückenlos herunterführt. Wenn also jemand Grund hat, auf Jesus, in der Tat eine der erhabensten *) Das Judentum und das Wesen des Christentums. Vergleichende Studien. Verlag von M. Poppelauer. Berlin 1905.