Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- I (1905)
- Issue
- 3 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 LITLRATU RBLATT 21 Hesperiensi, in Maghreb, Deutschland, Frankreich und Böhmen schlingen die Flammen, welche der blutdürstende Fanatismus entfachte, über die Häupter der wehrlosen Bekenner des Einig-einzigen vernichtend zusammen. Wenn nun diese Flammen herütoergriffen, wohin dann die Flucht ergreifen? Im fernen Osten stand es allerdings besser um die Juden. Dort gab es sogar jüdische freie Stämme;,, über die ein Fürst aus eigener Mitte regiefite.20) Empfiehlt es sich aber, dorthin zu fliehen, ehe noch darüber Gewissheit erlangt war, dass die Auswanderer den dortigen Brüdern willkommen wären? Wird ihr Gebiet eine grössere Neusiedelung ertragen? Wer wird die weite, mit so vielen materiellen Opfern verbundene Reise ermöglichen? Diese und ähnliche Fragen, die bei einem solchen Unternehmen in Betracht kommen, scheinen lange Zeit die Toledaner beschäftigt zu haben, umsomehr, da auch Granada in die Hände der Feinde gefallen und dadurch die Mitgliederzahl von Toledo enorm angewachsen war. Nachdem aber an eine briefliche Verständigung mit all den in (Betracht kommenden Faktoren nicht zu denken war, beschloss endlich die Gemeinde, einen Abgeordneten aus ihrer Mitte zui entsenden, der ihnen über das eine Gewissheit bringen und eventuell das andere veranlassen solle. Mit dieser Mission betrauten die kastilianischen Juden, Rabbii Benjamin von Tu d ela, einer Stadt des damaligen Königreichs Navarra. Udber R. Benjamins Lebenslauf ist sonst weiter nichts bekannt. Aber aus seiner Reisebeschreibung geht hervor, dass er ein Mann voll Energie und Tatkraft war; dass er auf der Höhe seiner Zeit stand, dass er über ausreichende Sprachimittel verfügte, und was ihrr besonders zu der Reise nach dem Orient befähigte, war, dass er gut Arabisch verstand. Auch talmudisch war er gebildet.; 1165 trat er die weite beschwerliche Reise an und rechtfertigte glänzend das in ihn gesetzte Vertrauen. Er durchzog die Provence, kam nach Marseiille, Genua, Rom, Otranto, dann nach Griechenland, von da nach Konstantinopel, setzte dann nach Kleinasien über, durchzog Palästina, Syrien, Babylonien, Medien, Persien, Arabien, einen Teil von Ostindien und Nordafrika und kehrte gegen 1172 mit neuen Erfahrungen bereichert in die Heimat zurück. Ein Jahr später ging er in das. Jenseits ein. Mit seiner Reisebeschreibung hat R. Benjamin die allgemeine Ge- , schichte ungemein gefördert; die jüdische aber, in ihren Zusammenhänge)* und Aufeinanderfolgen, erst so recht ermöglicht. Er kam mit Persönlichkeiten ip Berührung, die seinen Plan zu fördern vermochten, die, wenn nicht er, der Nachwelt unbekannt geblieben wären. Er macht uns zuerst, rnit der Erneuerung des Exilarchats in Baghdäd bekannt, das vor mehr denn 200 Jahren eingegangen war. Seine Erzählungen, schlicht, nüchtern, im LapidarstTe gehalten, ragen wie ein schönes, allen Stürmen trotzendes Denkmal aus jener alten Zeit empor. Gradezu fesselnd ist die Schilderung des neuen Exilarchats, dessen Inhaber, damals Chas'dai (oder Schelom), nach- 20) Vgl. R. Benjamins Reisebeschreibungen (ed Grünhut) T. II, Einleitung S. l!l ffl 21) „Unser Herr, Sohn Davids!”