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Jüdische Rundschau · 1905-05-12 · 3 (12.5.1905) · p. Seite 18

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
I (1905)
Issue
3 (12.5.1905)
Date
1905-05-12
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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No. 3 18_L]T ERA T URBL ATT wo sie den Nährboden in der kleinen bereits jetzt hebräisch sprechenden Bevölkerung vorfindet. Anders ist es der Fall in Russland und Polen. Hier kann das Hebräische sich als eine Kultursprache neben dem Jüdischdeutschen eine achtungswerte Stelle erobern, wird aber immer Schrift spräche bleiben und niemals zu einer Volkssprache emporsteifgen können, soweit man überhaupt über eine Zukunft sich ein Urteil bilden kann und darf. Die Jüdischdeutsche Sprache ist dagegen der (feste nationale Hort, den die Nation sich wahren muss, wenn sie nicht in der Völkerwelle, die im Osten Europas heranschwillt, ertrinken und verschwinden will. Es war sehr klug von den Anhängern einer bedingungslosen Assimilation, die dem Judentume auch bei den Volksmassen des Ostens den Garaus machen wollten, dass sie ihren ganzen Hass und ihre Verachtung gegen die jüdischdeutsche Mundart richteten, für die sie das Schimpfwort „J arg o n“ als das geeignete Mittel erkannten, um sie zu diskreditieren. Und mit einem merkwürdigen Behagen haben die Juden dieses Wort adoptiert, um ihren Kulturdialekt damit zu bezeichnen, wie sonst nur das Kauderwelsch genannt wird, das jene Neger sprechen, die englisch zu reden'glauben. Das Wort „Jargon” soll ja nichts weiter besagen, als dass es sich um ein Verballhornisiertes Deutsch handele, während hier eine organische Sprache vorliegt, die mindestens die gleiche Existenzberechtigung hat, wie das Englische. Der Eifer nationaler Juden für das Hebräische, der von hervorragender Bedeutung für die Zukunft unseres Volkes und unseres Landes ist, hat sich leider dazu verführen lassen, dieses Schimpfwort zu adoptieren und damit der Sprache einen Makel anzuheften, der ihr nicht zukommt. Man ging darin soweit, dass man um des Hebräischen willen, das Jüdischdeutsche absichtlich vernachlässigte und sogar bekämpfte. Denn man verstand nicht, dass die jüdische Volkssprache im Osten Europas wohl durch das Russische oder Polnische, nie aber durch das Hebräische verdrängt werden kann. Selbst wenn das Jüdischdeutsche keine organische Sprache wäre, müsste man es daher dazu erheben, eine solche zu werden. Denn der Untergang dieser Sprache würde zugleich einen grossen Teil nationaler Hoffnungen des Judentums vernichten. Andere nicht nationale Parteien des östlichijüdischen Stammes, die von den Ziehern einer grossen internationalen Partei geleitet werden und wider ihren Willen an dem Ruin ihrer Nation mitarbeiten, haben früher als die Zionisten die gewaltige Bedeutung des Judendeutsch für die Neugestaltung des Jüdischen Stammes erkannt, und' wenn, sie auch am meisten dazu beitragen werden, es durch Russisch und Polnisch zu verdrängen, so hüten sie sich sorgsam, es beiseite zu werf'en, ehe sie seiner zur Agitation entbehren können. Weit mehr aber sollte jeder, dem an der Erhaltung und Neubelebung des Hebräischen gelegen ist, dazu beitragen, dass die Jüdischdeutsche Sprache des Makels ledig werde, den man ihr wider Gebühr angeheftet hat. Ein grosser Teil des Widergeburtsaktes der jüdischen Nation spielt sich bereits in der Jüdischdeutschen Sprache ab. Dabei sind die grossen

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