Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 218)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/7957787-8905983--221-7958006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
leben, so wollte er dort sterben, zumindest aber verlangte der fromme Jude, daß in sein Grab ein Päckchen Palästinaerde gelegt werde. Dieser wundersame Trieb zur Vergangenheit hat uns Jahrtausende hindurch wurzelfest erhalten und so konnte es geschehen, daß wir zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen stets Kolonisten blieben, deren Mutterstadt am Jordan lag. So konnte es aber auch geschehen, daß wir, obwohl unserem nationalen Boden räumlich entrückt, dennoch unseren Omer metaphorisch darbrachten und unser nationales Erntefest in frommen Akrostischen feierten. Heute wird unser nationales Leben wieder zur Wirklichkeit. Das zweitausendjährige Wandervolk beginnt seßhaft zu werden. Die in der ganzen Weltliteratur einzig dastehende Ruth-Idylle ist nicht mehr bloß Literatur, dazu bestimmt, uns am Schewuothfest das stimmungsvolle Stilleben einer Ernte in unserer Urheimat vorzuzaubern, sondern ist reales Leben geworden. So wie in altersgrauer Vorzeit, als hätte sich in diesem Zauberland während drei Jahrtausenden nichts geändert, walten in den Gefilden Kanaans wieder Boas mit seinen Schnittern und huschen zwischen wogenden Ährenfeldern die Töchter Ruths, Ahnfrauen neuer Herrengeschlechter. Der Omer hat wieder seine Geltung erhalten und erzählt uns von neuem Grünen, von neuem Blühen, von göttlichem Wunder der Muttererde, von ihrer seltsamen Naturkraft, die Volk und Land bindet. Das Schewuotfest hat wieder seinen ursprünglichen Sinn zurückbekommen, wir können wieder ,,Chag Bikkurim", unser national-palästinensisches Erntefest feiern. * ischa b'Av Zwei Denkmäler, die aus den Zeiten unserer Volksauflösung in die Gegenwart herüberragen, künden uns noch heute: von der Tragödie des jüdischen Volkes, die in der Katastrophe des neunten Ab vor zwei Jahrtausenden ihren Gipfelpunkt erreicht hat. Es sind dies die restlichen Quadersteine der Umzäunungsmauer unseres Nationalheiligtums, die „Köthel Hamaarabi" in Jerusalem und der Triumphbogen des Titus in Rom, womit der Sieg über Judäa gefeiert wurde. In diesen Steinen einer uns entlegenen Zeit liegt der Kampf zwischen Rom und Jerusalem verewigt. Es ist aber auch der Kampf zwischen Assimilation und Selbsterhaltung, die uns daraus anspricht. 180