Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 210)
- Language
- German
- Belongs to
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gen, um über die alltägliche Auffassung der Dinge hinweg uns die sittlichen und moralischen Gesetze im Weltgeschehen vor Augen zu halten. Wenn wir jedoch der großen Ewigkeitsgeschichte des jüdischen Volkes näherkommen, wenn wir nicht von einem Tag zum andern und auch nicht von einem Jahr zum nächsten, sondern in Jahrtausenden denken, finden wir, daß Zeiten- und Schicksalswende dem Judentume keine unbekannten Begriffe sind. Es braucht uns daher nicht zu schrecken, wenn sich neue Lebensformen vorbereiten und wenn ein neuer, gewissermaßen unbekannter Geist tätig zu werden beginnt. Wir sind alte Praktiker und haben während unserer Lehr- und Meisterjahre in der Welt- und Wirtschaftsgeschichte schon genügende Erfahrungen gesammelt, um uns durch Beschwerden, die vielleicht nur durch das Hineinwachsen in neue Wirtschaftsformen verursacht werden, entmutigen zu lassen. Wir haben schon öfter an Umstellung und Neuschaffung im Geistes- und Wirtschaftsleben mitgewirkt und es braucht uns nicht angst und bange zu werden, wenn wir heute wieder einmal an einer Veränderung und Neuorganisierung unserer Lebensgrundlage mitarbeiten müssen. Auf was es ankommt, ist uns nicht durch die Entwicklung der Zeit niedertreten und überrennen zu lassen. Wir sollen uns nicht vom Schicksal willenlos treiben lassen, sondern uns den gegebenen Zeitverhältnissen durch Mitarbeit anzupassen versuchen. Die jüdische Auffassung, die auch unserem Neujahrstag das Gepräge gibt, daß der Mensch im Mittelpunkt des Weltgeschehens steht, bedeutet die Ubermacht des Menschen über das Ding, bedeutet Welt- und Zeitereignisse mittels Kräfte der Seele, Kräfte des Glaubens und des Wollens zu beherrschen. Daß die Vorsehung^ unser Schicksal lenkt, gilt im Judentum nur bedingt. Unser „Unesane Tokef", unser Bekenntnis, daß Rosch Haschana der Tag der Entscheidung über das Schicksal alles Lebenden ist, schließt mit der Einschränkung: „Tschuwa, tfila u'zedaka maawirin eth roa hagesera", sittliche, moralische Kräfte können das böse Schicksal bezwingen. Die Aufgabe, die uns unser Neujahrstag stellt, ist die geistige und sittliche Lebenserneuerung, die auch uns die politische und wirtschaftliche Genesung herbeiführen soll. Die Mahnung dieses Tages ist der Glaube an den endlichen Sieg des Guten über das Böse, ein Glaube, dem wir durch alle Zeiten unserer wechselreichen Leidensgeschichte treu blieben und den wir uns auch in Zeiten schwerer Erschütterungen nicht rauben ließen. Mag unser Gesichtskreis noch so schwarz verhängt sein, wir zweifeln nicht daran, daß es allein an der sittlichen Kraft im Menschen liegt, daß es sowohl politisch, wie auch wirtschaftlich besser und heller werde. Letzten Endes kommt es immer nur an den Menschen selbst an, an seinem Charakter, an seinem Willen, unser Schicksal zu mei- 172