Židovská ročenka pre Slovensko
- Journal
- Židovská ročenka pre Slovensko
- Volume
- 5700 (1940)
- Date
- 1940-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 209)
- Language
- German
- Belongs to
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DAVID GROSS: DAS JÜDISCHE JAHR MEDITATIONEN ZU DEN JÜDISCHEN FEIERTAGEN Wir wollen nicht am Rosen Hasehana als an einer Klagemauer der Zeit stehen bleiben und Jeremiaden anstimmen über den Strom rauher Ereignisse, den wir im Laufe des entschwundenen jüdischen Jahres durchwaten mußten. Gewiß, das verflossene Jahr der jüdischen Zeitrechnung war ein abscheuliches Jahr. Not und Elend hat sich über die Welt zusammengeballt und, wie stets, sind wir Juden an den Nöten der Menschheit mit doppelten Rationen beteiligt. Wir Juden, die wir an unserer viertausendjährigen Geschichte den besten Lehrmeister haben und an einen Sinn im Weltgeschehen glauben, wissen aber, daß Krisen- und Notzeiten, mögen sie uns auch noch so sehr drücken, uns nichts anhaben können. Seit zweitausend Jahren leiden wir an unseren bereits chronisch gewordenen Krisenerscheinungen aller Art. Seit Jahrtausenden nagt an unserem Bestand Not und Elend, oft in weit größerem Ausmaße als wir heute erleben. So lange wir nur zurückdenken können, sind wir gewöhnt über das Schicksal der Judenheit zu klagen. Nicht nur im finsteren Mittelalter, auch in der hellen Neuzeit gab es für uns furchtbare Rückschläge. Erschütterungen von ungeheurer Wirkung, Judenverfolgungen und Judenvertreibungen in abgewandelter Form, und immer wieder war die darunter leidende Generation geneigt zu glauben, daß ihre Zeit entscheidend sei im Fluß der geschichtlichen Entwicklung. Wie heute, so wurde auch in früheren Zeiten die ganze Struktur der jüdischen Gesamtheit aufgewühlt und wie heute, so gab es auch in früheren Zeiten Ferioden seelischer Not, politischer Sorgen, wirtschaftlichen Elends, Weltkatastrophen und Verheerungen, in denen alles Uberlieferte zu versinken und völlig Neues zu erstehen schien. Allerdings sind wir Mitlebende einer Zeit historischer Hast, durch den rasenden technischen Fortschritt allzusehr verwöhnt, um mit Geduld und Ausdauer einer helleren und besseren Zukunft entgegenzuarbeiten. Uns ist die Sammlung und Seelenruhe unserer Väter und Großväter verloren gegan- 171