Mannheim
Compact Memory

Židovská ročenka pre Slovensko · 1940-01-01 · 5700 (1940) · p. Seite 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Židovská ročenka pre Slovensko
Volume
5700 (1940)
Date
1940-01-01
Page
Seite 156 (sequence 190)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
86% known words query
IRI
…/7957787-8905983--193-7957978
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

J. D. AUSTERLITZ: Marschmensehen und Schneeflöckchen (Ein Filmstreifen) Phantastisch wendig und geschwind flattern und fuchteln ihre Hände, machen Schleifen und Scheren, Kreise und Winkel, eine verwirrende und betäubende Fülle von Schnörkeln, eine wirblige Flutwelle von gebärdemäßig dargestelltem Konfetti... Ihre Augen quellen hervor, eßgierige Stielaugen das. Muskeln und Falten, jede Fiber ihrer Gesichter gespannt, erfaßbereit. Ein Eiland: mitten im wogenden Meer. Ebb und Flut von geschäftigen Menschen und rasender Verkehrsmittel umbrandet sie, diese Leute da. Es flitzt und faucht vorüber. Sie aber stehen ruhig, wie fest verankert, ineinander verhaspelt und verheddert. Was immer auch ringsherum vorkommen, vorfallen, geschehen, weitgeschehen mag, für diese Insel da ist garnichts vorgekommen, vorgefallen, garnichts geschehen. Es könnte ebensogut auf dem Uran, auf irgendeinem Splitterplaneten auf der Milchstrasse geschehen sein. Unser Brodeln und Bremsen, unsere Geschäfte und Gefechte: all unser Tun und Lassen, es kann ihnen nichts anhaben. Sie, wenigstens, lassen sich nichts anmerken. Ein Völkchen für sich, mitten unter Völkern. Vater und Mutter mögen irgendeinem der vielen sich befehdenden und sich befreundenden Völker angehört haben. Sohn und Tochter aber sind weder Botokuden, noch Buren. Sohn und Tochter sind taubstumm. Sie gehören einer anderen Welt an. Keinem einzigen Volk auf Erden! Sie gehören der Taubstummen Nation an. Mißtrauen, Haß, Mißgunst, Ab- und Zuneigungsbekundungen unserer Großwelt prallen von ihnen ab. Sie sind gefeit. Das Getümmel und Getrampel unserer Großwelt: (ein jeder ist einem jeden im Weg! das Dschungelgesetz: Friß ihn auf! sonst frißt er dich auf!) all unser Rennen und Rasen, Wonne, Wollust und rachlüsternes Röcheln und Liebesgelalle: alles, was wir tun oder mißetun — es1 schiert sie nicht! Unser Glück macht ihre Augen nicht mitaufflackern. Unser Unglück preßt ihnen keine Träne ab! Was wir hoffen, ist ihnen gleichgiltig. Sind wir enttäuscht und kirregemacht, — sie sind nicht enttäuscht, sie sind nicht zerknirscht. Was Herz und Hirn von Menschenmillionen bewegt, es ficht sie nicht an. Was uns frohlockend durchquirlt, das läßt sie kalt. Was uns wurmt und zernagt, was uns peinigt und auspeitscht, was uns gräßlich 156

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.